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15.02.2010

[15. Februar 1934] Der Friedensnobelpreis befreit aus dem KZ

Carl von Ossietzky kommt am 15. Februar 1934 in das KZ Papenburg – Esterwegen. Die Liga für Menschenrechte beginnt sich für einen Friedensnobelpreis für Ossietzky einzusetzen, auch um sein Leben zu retten. Am 23. November 1936 wird ihm dieser für das Jahr 1935 zugesprochen.

Moorsoldaten. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand erließ Reichspräsident Hindenburg am 28. Februar 1933 die Verordnung "zum Schutz von Volk und Staat" zur "Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte". Diese Notverordnung ermöglichte es u.a., politische Gegner ohne Angabe von Gründen und unter Ausschaltung der Justiz in Schutzhaft zu nehmen. Bis zum Juni 1933 wurden zwischen 20.000 und 25.000 Personen, überwiegend Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter, in bald überfüllte Gefängnisse und andere provisorische Haftstätten gesperrt. Bereits im April erteilte das Preußische Innenministerium dem Regierungspräsidenten in Osnabrück den Auftrag, im Emsland für die Unterbringung von 3.000 bis 5.000 Gefangenen mehrere Lager einzurichten. Im Sommer schließlich wurden die Konzentrationslager Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum als "Staatliches Konzentrationslager Papenburg" fertig gestellt und mit 4.000 Häftlingen belegt, neben politischen Gegnern bald auch u.a. Zeugen Jehovas und sogenannte "Sicherungsverwahrte". Die Gefangenen, die sich selbst "Moorsoldaten" nannten, wurden bei der Kultivierung der emsländischen Moore zur Zwangsarbeit herangezogen.

Papenburg. Das Konzentrationslager Papenburg - Esterwegen als Doppellager mit Platz für 2.000 Gefangene wurde Mitte August 1933 weitgehend fertig gestellt. Die Bewachung der ab dem 10. August 1933 eintreffenden Häftlinge übernahm die SS-Gruppe West. In den nächsten Wochen und Monaten häuften sich die Misshandlungen und Morde von Häftlingen. Gleichzeitig gab es zahlreiche Übergriffe der SS-Leute in den umliegenden Ortschaften, die zu Protesten aus der Bevölkerung führten. Das Innenministerium ließ daraufhin im November durch bewaffnete Einheiten der Schutzpolizei die Lagerkommandanten der drei emsländischen Konzentrationslager absetzen, die SS-Wachtruppen abrücken und durch staatliche Angestellte, zu "80 % aus der SA. und 20 % aus der SS", ersetzen.

Am 20. April 1934 übernahm allerdings der Reichsführer-SS Heinrich Himmler die Gestapo in Preußen und beauftragte den Kommandanten des KZ Dachau und SS-Gruppenführer Theodor Eicke (ab 4. Juli 1934: Inspekteur der Konzentrationslager - auch so etwas gab es) mit der Reorganisation der staatlichen preußischen Konzentrationslager. Zwei Monate später unterstellte sich Himmler das Lager Esterwegen "unmittelbar" und setzte am 1. Juli den SS-Standartenführer Hans Loritz als neuen Kommandanten ein, der bis März 1936 diese Funktion ausübte. Am 1. August führte Eicke die für Dachau entwickelte Lagerordnung ein, die nicht nur die völlige Rechtlosigkeit der Häftlinge festschrieb, sondern es den Wachleuten auch ermöglichte, völlig willkürlich Häftlinge zu terrorisieren und dabei gleichzeitig "legal", d.h. unter Ausnutzung der durch die Lagerordnung vorgegebenen "Bestrafungs"methoden, zu handeln. Zu den bekanntesten "Schutzhäftlingen" gehörten neben Carl von Ossietzky Friedrich Ebert jun., Ernst Heilmann, Julius Leber, Bernhard Bästlein, Theodor Neubauer und Werner Finck.

In den Strafgefangenenlagern Emsland wurden bis Kriegsende bis zu 70.000 Menschen inhaftiert. Bereits im September 1939 übernahm das Oberkommando der Wehrmacht die Lager VI und VIII bis XI und nutzte sie als Kriegsgefangenenlager für bis Kriegsende weit über 100.000 Soldaten aus der Sowjetunion, Frankreich, Belgien, Polen und Italien. 1944/45 dienten die Lager Dalum und Versen der SS kurzzeitig Außenlager des KZ Neuengamme. Im April 1945 wurden die Häftlinge der Emslandlager von britischen, kanadischen und polnischen Truppen befreit.

Friedensnobelpreis-Kampagne. Die Kampagne zur Verleihung des Friedensnobelpreises an Carl von Ossietzky war eine der Aktionen des deutschen antinazistischen Exils, die zu den Erfolgen gezählt können. Nach der Rheinlandbesetzung, die ohne nennenswerte westliche Reaktion geblieben war, und nach den Olympischen Spielen, die Hitler und Goebbels in einen beträchtlichen propagandistischen Erfolg umzumünzen verstanden, hatte die Verleihung des Friedensnobelpreises an Carl von Ossietzky erhebliche Bedeutung. Er wurde als Folge, wenn auch unter Gestapokontrolle, vom KZ in ein Berliner Krankenhaus gebracht. Zur Preisverleihung ließ man den ehemaligen KZ-Insassen natürlich nicht reisen. Um den materiellen Preis brachte ihn ein Zusammenspiel höchst unerfreulicher Umstände. Seine Frau hatte das Geld einem Anwalt anvertraut, der es veruntreute und so entstand die groteske Lage, dass die Gestapo vorgab, sich der Interessen Ossietzkys anzunehmen und den Anwalt einsperrte, unter dessen Händen das Geld zerronnen war.

Im Jahre 1934 war die Nominierung Carl von Ossietzkys für den Nobelpreis noch gescheitert, weil die Nominierungsfristen nicht eingehalten werden konnten. Die Exilanten, die um das Leben von Carl von Ossietzky kämpften waren verständlicherweise nicht damit vertraut und hatten an sich existentiellere Sorgen als solcher "Papierkram". Im folgenden Jahr wurden jedoch vor dem Schlussdatum des 31. Januar gültige Vorschläge von einer Mehrzahl vorschlagsberechtigter Personen eingereicht: Trägern des Preises, Mitgliedern nationaler Parlamente, Professoren für Staats- und Rechtswissenschaften, Geschichte und Philosophie, Mitgliedern des Nobel-Komitees.

1935 wurde allerdings beschlossen keinen Preis zu verleihen (am 1. November 1935). Danach wurde Ossietzky von neuem, diesmal von mehreren hundert Vorschlagsberechtigten, nominiert, unter anderem von den 69 Abgeordneten der Arbeiterpartei im norwegischen Storting. Gleichzeitig von 59 Sozialdemokraten im schwedischen Riksdag - neben vielen anderen, die sich in Schweden, auch in Dänemark ins Zeug legten.

Aus der Schweiz kamen die Unterschriften von 124, aus Frankreich die von 120 Parlamentsmitgliedern. Aus dem Britischen Unterhaus meldeten sich - mit Clement Attlee und Herbert Morrison an der Spitze - 86 Abgeordnete, aus der Tschechoslowakei 60 Abgeordnete und Professoren. Von früheren Friedens-Preisträgern engagierten sich die amerikanische Philantropin Jane Addams (sie hatte den Preis 1931 erhalten) und der deutsche Professor Ludwig Quidde (ihm war der Preis 1927 zusammen mit einem Kollegen aus der französischen Friedensbewegung zugesprochen worden; er war nach Genf emigriert und hatte zunächst Bedenken, sich für die Kampagne "einspannen" zu lassen). Die erwähnten Namen kamen formal dann nicht zum Zuge, wenn sie weder Abgeordnete noch Professoren der genannten Disziplinen waren. Die Eingaben französischer und englischer Schriftsteller bedeuteten gleichwohl gute moralische Unterstützung, auch wenn sie nicht als Nominierung gewertet werden konnten.

Natürlich war Ossietzky nicht der einzige "Bewerber" und daraus ergaben sich unvorhergesehene und störende Konkurrenzen. So war der greise Prinz Carl, Bruder des Schweden-Königs Gustav und Titularchef des dortigen Roten Kreuzes, vorgeschlagen, und die damals noch wenigen weiblichen Abgeordneten im Riksdag mochten die Unterstützung dieser Kandidatur nicht aufgeben.

Gleichzeitig mit Ossietzky war Professor T. G. Masaryk, der Begründer und Staatspräsident der CSR, vorgeschlagen. Nun versuchte man, diesen nationalen Demokraten und herben Humanisten zu überreden, er möge dem Osloer Komitee sein Desinteresse - damit: seinen Verzicht - melden. Leicht kann das ihm, der Grund hatte, um den Bestand seines jungen Staates zu bangen, jedenfalls nicht gefallen sein. Hinter den Kulissen bemühte sich der Schriftsteller Emil Ludwig, der auch eine Masaryk-Biographie geschrieben hatte. Im November 1935 wandten sich fünfzehn amerikanische Gelehrte und Publizisten, auch Albert Einstein, an den Präsidenten. Thomas Mann schrieb nicht nur an Masaryk, der ihm und seiner Familie die tschechische Staatsangehörigkeit verliehen hatte, sondern auch an das Komitee in Oslo, und jener Brief wurde zu einem Meisterwerk der Ironie.

Den Vorsitz im Nobel-Komitee - das geheim berät und in aller Regel erst nach Übereinstimmung entscheidet - führte damals der liberal-konservative Professor Fredrik Stang, ein früherer Justizminister. Doch er hatte bis zuletzt Zweifel, ob die im Herbst 1936 - für '35 - getroffene Entscheidung von der Sache her unangreifbar sei. Das Komitee und seine Rechtsberater wollten sicher sein, dass den seinerzeitigen Enttarnungen der "Weltbühne" über vertragswidrige Aktivitäten der Reichswehr - für die Ossietzky bereits in der Weimarer Republik inhaftiert war - nichts Ehrenrühriges anhaftete.

Kurz vor der Ossietzky-Entscheidung wurde das Nobel-Komitee noch umbesetzt. Der sozialdemokratische Außenminister, Geschichtsprofessor Koth schied aus, um den Druck aus Berlin auf die Regierung abzufedern; der liberale Parteiführer und frühere Ministerpräsident Mowinckel, Schiffsreeder aus Bergen, schloss sich ihm an. Der Liberale wurde durch einen bekannten Bankdirektor, der Außenminister durch Chefredakteur Martin Tranmäl ersetzt.

Quislinge. Aber es gab nicht nur Unterstützung: Der in die Senilität abgleitende Literatur-Nobelpreisträger Knut Hamsun zog in einer Zeitung gegen den wehrlosen Ossietzky zu Felde: Böswillig-naiv fragte er, warum sich Ossietzky denn habe einsperren lassen; er hätte doch emigrieren können! Und was sei falsch daran, dass Deutschland militärisch stärker werde? Hamsuns Hass auf England war pathologisch, so auch seine Bewunderung deutscher Macht. Daraus resultierte die Tragödie dieses Greises. Hinzu kommt die bittere Ironie, dass Ossietzky zu den deutschen Bewunderern Hamsuns gehörte. Als die Entscheidung zugunsten Ossietzkys fiel, konnte die deutsche Presse auch die eine und andere schiefe Auslandsstimme zitieren, wie die des schwedischen Weltreisenden Sven Hedin oder eines Mitglieds der Familie Alfred Nobels.