[9. Februar 1955] Im Westen nichts Neues: Der letzte Akt
Der Spiegel zitiert am 9. Februar 1955 Erich Maria Remarque, der wegen dem Film "Der letzte Akt" in Wien ist: "In einer Zeit, wo man nur ein Mitglied des Auswärtigen Amtes werden kann, wenn man einmal bei der NSDAP gewesen war, ist der Film doppelt notwendig. Die Gefahr des Neonazismus ist kein dummes Gerede."
Der letzte Akt. Von G.W. Pabst, einem Österreicher der Filmgeschichte geschrieben hat, behandelt die letzten Tage Adolf Hitlers im Führerbunker. Wobei dieser Film in einer besonderen Art einzigartig ist: Die Handelnden der Story sind Teil der Geschichte die der Film erzählt, der Produzent, die Drehbuchautoren und Schauspieler sind es auch. Sie hatten den Wahnsinn miterlebt, waren davon auch existentiell betroffen. Remarque musste vor dem Hass der Nazis flüchten und gehörte zu den verbrannten Autoren. Szokol hingegen war Offizier der deutschen Wehrmacht in Wien. Als Widerstandskämpfer gehörte er zur Gruppe um das Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944. Er rettete 1945 Wien durch die Kontaktaufnahme zur Roten Armee vor der Zerstörung.
Die Premiere des Films erfolgte am 14. April 1955 in Köln und einen Tag später in Wien. Die Auseinandersetzung mit diesem Film ist gerade angesichts der "Untergangseuphorie" neuerlich geboten. Im Gegensatz zu der standpunktlosen Doku-Soap-Oper "Der Untergang" intendiert "Der letzte Akt" eine cineastischen Entmythisierung: Hitler, von Albin Skoda als Mensch dargestellt, der ohne sein Instrument, sein Massen-Echo, nur noch jämmerlich erscheint. Oskar Werner spielt die kontrastierende erfundene Figur des Hauptmanns Wüst, der Hitler (Albin Skoda) von seinen wahnsinnigen Befehlen abhalten will. Wüst wird schließlich als Verräter erschossen. Marlon Brando soll diese von Oskar Werner dargestellte Todesszene immer wieder studiert haben. Wie überhaupt die "halbe Burg", das Wiener Burgtheater, bei dem Film mitwirkte.
Remarque wollte Hitlers Ende zur grellen Kleinbürgerfarce machen und zeigen, dass der Unhold "wie eine Ratte im Keller gestorben" sei, Carl Szokoll, der Produzent, dagegen "die Tragödie des Menschen Hitler" darstellen. Pabst wollte beides nicht. Er suchte nach Sinnbildern für die Diktatur, die im Bunker ihr vorbestimmtes Ende fand - "Schicksal" und "Vorsehung" sind Leitwörter im Film, und eine der eindrücklichsten Szenen zeigt einen Astrologen, der Hitler im Auftrag von Goebbels das Horoskop stellt: "Im August treten Mars und Uranus in Konjunktion. Das ist die Schicksalsstunde des Krieges." Einen Moment später trifft die Nachricht vom Tod Roosevelts ein. Goebbels, unter dem Porträt Friedrichs des Großen: "Mein Führer, die Zarin ist tot." Darauf Hitler: "Sieg! Sieg!" Mehr als alles andere waren die letzten Tage im Bunker ein Kaffeesatzlesen, Tischerücken, Kartenlegen, ein Warten auf ein Wunder, das nicht kam.
Die historische Wahrheit. Doch zurück zum 9. Februar 1955. Erich Maria Remarque (Im Westen nichts Neues) ist in Wien. Auf Einladung des Filmproduzenten Carl Szokol ( Cosmopol-Film Wien). Remarque sollte ein Drehbuch über Hitlers letzte zehn Tage im Bunker der Reichskanzlei verfassen. Als Grundlage diente vor allem Michael A. Musmannos Buch "Ten Days to Die" das auf einem umfassenden Aktenstudium und über 200 Zeugenaussagen basierte. Auch Michael A. Musmanno war eine handelnde Person dieser Zeit. Musmanno war Richter bei den Nürnberger Prozessen gewesen und wollte mit seiner Dokumentation vor allem dem Mythos entgegenwirken, Hitler könne noch am Leben sein. Noch 1950 sah Musmanno in den USA Georg Wilhelm Pabsts Film "Der Prozess", der ihn dazu bewegte, Pabst zum Regisseur der Verfilmung seiner Dokumentation auszuwählen.
In der Vorbereitungsphase des Films wurde bereits damals Traudl Junge als Hitlersekretärin einbezogen und befragt. Die "historische Wahrheit" der Handlung des Films lag aber besonders in 20 Aktenordnern mit Zeugenaussagen begründet, die Musmanno seiner Dokumentation zugrunde gelegt hatte, der mit den Figuren Richard und Wüst lediglich fiktionale Kontrastfiguren an die Seite gestellt wurden. Für Remarque lag denn auch der Beweggrund für seine Mitwirkung am Film weniger in der Aufdeckung der historischen Wahrheit, sondern in der Mahnung an die Gegenwart, ein Wiedererstarken des Nationalsozialismus und vor allem des für ihn unmittelbar damit verbundenen deutschen Militarismus und Befehl-Gehorsams-Denkens zu verhindern. Obwohl die Schlusssätze des Films "Seid wachsam. Sagt nie mehr jawohl!" nicht im Drehbuchentwurf Remarques enthalten waren, machte er sie genau ein Jahr nach der Premiere zum Ausgangspunkt seines Essays "Seid wachsam!", der am 30. April 1956 im Londoner Daily Express unter dem Titel "Be Vigilant!" publiziert wurde.
Hitler war kein Kasperl. "Der letzte Akt" wurde in zweiundfünfzig Länder verkauft und von "Time" als "die beste europäische Filmproduktion seit dem Krieg" gelobt. Das deutsche Kinopublikum des Jahres 1955 aber wollte nicht zurückschauen. Die Äußerung von Erich Maria Remarque drückte die Besorgnis über die Integration der Täter in das Nachkriegsdeutschland aus, die das Börsenblatt des deutschen Buchhandels 1955 so wiedergab: "Erich Maria Remarque, der Verfasser von Im Westen nichts Neues, hat auf einer Pressekonferenz in Wien auf die beunruhigende Tatsache hingewiesen, dass die Nazis in Westdeutschland wieder hohe Posten innehaben, und erklärt, es müsse etwas geschehen, um die Wiedergeburt des Nazismus zu verhindern. Erich Maria Remarque, der Deutschland nach der Machtergreifung durch Hitler verlassen hatte, hat dieser Erklärung die Mitteilung hinzugefügt, dass ihn seine ernste Besorgnis bezüglich der Rückkehr des Nazismus gedrängt habe, ein Szenarium für den antifaschistischen Film "Der letzte Akt" zu schreiben, der gegenwärtig in Wien gedreht wird."
Welche Schwierigkeiten das Nachkriegsdeutschland mit dem Thema hatte wird darin deutlich, dass man dem Film ein auszeichnendes Prädikat verweigerte. Insbesondere der dokumentarische Charakter des Films wurde von verschiedenen Seiten in Zweifel gezogen. Die Filmbewertungsstelle (FBW) konnte sich "nicht entschließen", dem Film "Der letzte Akt" ein Prädikat zu verleihen: "Es ist dem Bewertungsausschuss nicht möglich, die Handlung auf ihre historische Wahrheit zu überprüfen. Die im Drehbuch niedergelegte Ansicht über die handelnden Personen, im wesentlichen Hitler und sein Gefolge, außerdem die Wehrmachtsführung, steht dabei in vielem zu sehr in einem bis jetzt historisch nicht ganz überblickbaren Raum. Die breite Ausspielung der Orgien in der Kantine des Bunkers, die in ihr ausgedrückte Atmosphäre in den drei dargestellten Szenen des Tanzes der Krankenschwester, des Parademarsches des Verwundeten und das Absingen des Liedes "Heute gehört uns Deutschland..."in der ihr unterlegten Symbolkraft sind aus der Situation nicht genügend motiviert und lassen den Verdacht einer bewussten Meinungslenkung zu. ... Der Bewertungsausschuss ist ... der Meinung, dass die durchschnittlich gute filmkünstlerische Leistung eines so zeitnahen und in der Diskussion der jetzt lebenden Generationen so ungeklärten Zeitablaufes allein keinen prädikatisierungswürdigen Film ergeben hat."
"Ein Reißer halb und halb ein Mahnmal" sei der Film, schrieb die "Süddeutschen Zeitung", und das noch eine der lobenderen Stimmen zum "Letzten Akt". Der Film, im April gestartet, verschwand nach kurzer Zeit aus den Kinos. Bereits die Nachricht von der Mitarbeit Remarques an dem Film über Hitler in dem Artikel von Karl Stankiewicz in der Freien Presse (Bielefeld) am 1. Oktober 1954 löste Verwunderung und Empörung in der deutschsprachigen Presse aus. Unter dem Titel "Hitler war kein Kasperl" berichtete der Spiegel am 6. Oktober 1954 kritisch über die Vorbereitungen zum Film, nahm jedoch den Produzenten Szokoll in Schutz, der zuvor von österreichischen Organen des Verrats bezichtigt worden war. Der Spiegel wies zudem auf Schwierigkeiten der Filmemacher mit der Freiwilligen Selbstkontrolle in der Bundesrepublik hin und: "Bonner Funktionäre zeigten Bedenken bezüglich Frankreichs; man wecke eingeschlafene Erinnerungen." Unter der Überschrift "Story von Remarque" legte der Spiegel am 9. Februar 1955 nach: " ... Blasiert wie auch sonst räkelte sich Erich Maria Remarque an einem Tag der letzten Januar-Woche auf einem der zierlichen Stühle des Wiener Hotels Sacher und sprach über den neuen Hitlerfilm: "In einer Zeit, wo man nur ein Mitglied des Auswärtigen Amtes werden kann, wenn man einmal in der NSDAP gewesen war, ist der Film doppelt notwendig. Die Gefahr des Neonazismus ist kein dummes Gerede. Wir müssen zeigen, dass Hitler wie eine Ratte im Keller gestorben ist ..."
- Links:
Der letzte Akt
Kann man Hitler verfilmen?
Der letzte Akt
www.remarque.uos.de/Schriften/dla.html
Faschismus und Zweiter Weltkrieg im Spiegel ausgewählter Kinofilme
www.remarque.uos.de/Schriften/dla.html
Bruder Hitler auf Leinwand und Bildschirm
www.selezione.ch/gastkolumne2.htm
Michael A. Musmanno
Michael A. Musmanno - Wikipedia
de.wikipedia.org/wiki/Michael_A._Musmanno
Mussmano Collection -- Interrogations of Hitler Associates
cdm256101.cdmhost.com/cdm-p256101coll8/about.php
Carl Szokoll
Carl Szokoll: Der Retter Wiens
www.wienerzeitung.at/linkmap/personen/szokoll.htm
Filmlexikon
www.filmevonabisz.de/filmsuche.cfm
aeiou-Lexikon
aeiou.iicm.tugraz.at/aeiou.encyclop.s/s998034.htm
Oskar Werner
aeiou-Lexikon
aeiou.iicm.tugraz.at/aeiou.encyclop.w/w492732.htm
Ges(ch)ichtspunkte: 1. Oktober 1941
Georg Wilhelm Pabst
Biographie: Georg Wilhelm Pabst, 1885-1967
www.dhm.de/lemo/html/biografien/PabstGeorg/
Filmographie, Literatur, Biografie
www.deutsches-filminstitut.de/dt2tp0044.htm
aeiou-Lexikon




