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20.11.2009

20. November: Frühlingserwachen im November 1906

Das Stück "Frühlingserwachen. Eine Kindertragödie" von Frank Wedekind galt wegen angeblicher "Pornographie" lange als unaufführbar. Premiere hatte es erst am 20. November 1906, als es der österreichische Theaterreggisseur Max Reinhardt inszenierte und die als besonders anstößig geltenden Stellen fehlten.

In seiner ersten dramatischen Arbeit "Frühlingserwachen" schildert er mit packender Kraft, durchsetzt von grotesken Streiflichtern ins soziale Leben, die Anfänge des Geschlechtslebens im heranwachsenden Menschen. "Eine Kindertragödie" nennt Frank Wedekind seine Anklage an die bürgerliche Gesellschaft, deren starre Prüderie sich die eigenen Wurzeln abholzt: Dem Konflikt zwischen unbedarfter Menschwerdung und vorgelebter Doppelmoral sind seine jungen Protagonisten nicht gewachsen. Hier, wie auch überall später, lässt er die Regeln des dramatischen Aufbaues völlig außer acht.

Im Jahr 1891 (Erstdruck: Zürich 1891. Uraufführung: Berlin 20. November 1906) von Wedekind beendet, galt das Stück wegen angeblicher "Pornographie" lange als unaufführbar. Premiere hatte es erst 16 Jahre nach seinem Erscheinen am 20. November 1906, als es Max Reinhardt in den Berliner Kammerspielen inszenierte. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass die als besonders anstößig geltenden Stellen fehlten. Und doch brachte dieses Stück Wedekinds den Durchbruch, auch wenn das Stück nach der Uraufführung bis 1912 verboten blieb. Ein Schicksal, das auch andere Werke Wedekinds erfahren mussten: zu sehr verstoßen seine liberalen Ansichten gegen die körperfeindliche Moral der damaligen Zeit. Die Inszenierung begründete Wedekinds Stellung als einer der meistgespielten Dramatiker seiner Zeit.

Zensur. Vor dieser Aufführung wurde Wedekind auf den Bühnen faktisch nicht mehr gespielt. Zum einen Teil aus Staatsräson und zum anderen aus Angst vor Verfolgung und dem Risiko der Aufführungsverbotes. Wedekind war ein Lieblingskind der Zensur und dieser bekannt wie der sprichwörtliche "Rote Hund". Bis zu seinem Tode wird er der bis dahin am häufigsten von der Zensur verfolgte Dramatiker Deutschlands sein. Schon am 23. Juli 1904 erfolgte die Beschlagnahmung der Buchausgabe der "Büchse der Pandora" (1903) wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften durch den Verleger Bruno Cassirer und den Autor Frank Wedekind. In dritter Instanz vor dem Landgericht II, Berlin, werden Verleger und Autor schließlich im März 1906 freigesprochen. Doch: Die Restauflage der "Büchse der Pandora" wird jedoch auf richterlichen Beschluss hin eingezogen und eingestampft.

Palästinafahrt.
Einmal musste Wedekind gar ins Gefängnis. Im Oktober 1898 trat Kaiser Wilhelm II. nebst Gattin und pompösem Gefolge eine Reise nach Palästina an. Zweck der Reise waren Waffenexporte in die Türkei und ein paar andere Geschäfte, etwa mit dem Bau der Bagdad-Bahn. Die internationale Presse verfolgte diese sogenannte Expedition mit größter Aufmerksamkeit. Der etwas einfältige Kaiser gerierte sich dabei gar als frommer Pilger auf den Stationen der Kreuzzüge. Das war an sich schon hochnotpeinlichpeinlich. Doch überall trat er zudem noch mit seinen pathetischen Reden - übrigens wie allseits erwartet - ins Fettnäpfchen. Ursache für die Gefängnisstrafe war ein Gedicht in der satirischen Zeitung Simplicissimus zur "Pilgerreise" des Kaisers mit Gemahlin. Kurz bevor der Kaiser in Jerusalem einzog, erschien jene Nummer des "Simplicissimus", die üble Folgen haben sollte. Das Titelbild, gezeichnet von Thomas Theodor Heine, zeigte Friedrich Barbarossa, der sich vor Lachen krümmt und dem Kreuzritter Gottfried von Bouillon die Pickelhaube Wilhelms hinhält. Unterschrift: "Lach nicht so dreckig Barbarossa. U n s e r e Kreuzzüge hatten doch eigentlich auch keinen Zweck!" Die letzte Strophe des Gedichtes war die boshafteste, doch hätte der etwas einfach gestrickte Wilhelm II. den Spott kaum verstanden und die Satire wohl für eine Lobhymne gehalten:

        So sei uns denn noch einmal hoch willkommen,
        Und lass dir unsre tiefste Ehrfurcht weihn,
        Der du die Schmach vom heilgen Land genommen,
        Von dir bisher noch nicht besucht zu sein.
        Mit Stolz erfüllst du Millionen Christen;
        Wie wird von nun an Golgatha sich brüsten,
        Das einst vernahm das letzte Wort vom Kreuz
        Und heute nun das erste deinerseits.

Nicht so die mit vorauseilendem Gehorsam ausgestatteten Staatsanwälte und Richter. Sie verurteilten Wedekind zu sieben Monaten Gefängnis wegen Majestätsbeleidigung, von denen er viereinhalb Monate auch wirklich absitzen musste. Freilich verdankte der Simplicissimus dieser Zensurmaßnahme eine besondere Aufmerksamkeit und erhebliche Auflagensteigerung und Frank Wedekind wurde mit einem Schlage berühmt.

Marcel Reich Ranicki: "Er war ein Bohemien, das Antibürgerliche war sein Element. In allen seinen Werken hat er die Gesellschaft seiner Zeit entlarvt, verspottet und angeklagt. Im Mittelpunkt seiner Dramen stehen Menschen, die versuchen, sich der Verlogenheit und Heuchelei ihrer Epoche zu widersetzen, und sich meist als deren Opfer erweisen. Er hatte einen untrüglichen Instinkt für die Möglichkeiten und die Wirkungen der Bühne. Vom Naturalismus wandte er sich ab, dem Expressionismus bahnte er den Weg und wurde so eine der zentralen Figuren des modernen Dramas."