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06.02.2010

[6.Februar 1684] King Arthurs Weg nach Guantánamo

In Erwartung des 25-jährigen Thronjubiläums von Charles II. schafft John Dryden 1684 seine erste Fassung von "King Arthur", doch Charles verpasst das Jubiläum und stirbt schon am 6. Februar 1685. Das was danach unter Mithilfe von Purcell aus King Arthur geworden ist, nennen manche das "erste Musical der Welt". Charles II. werden die abgerungen, welche für die Demokratie und den Rechtsstaat grundsätzlich werden und uns zuletzt bis Guantánamo begleiten. (Habeas-Corpus-Akte, lat. habeas corpus – 'du mögest den Körper haben', im Sinne von 'habhaft werden', und engl. act = Einzel-Gesetz)

Erstes Musical.
Eine "dramatick opera" hatte Purcell sein Zwitterwesen aus Oper und Schauspiel "King Arthur" genannt, als es endlich im Königlichen Theater Dorset Garden 1691 uraufgeführt werden konnte. Es war eine "dramatick opera" mit "scenes, machines, songs and dances", also Schauspiel, Musik, Tanz und Bühnenzauber in schönstem Einklang. Für Harnoncourt und Ruzicka ist es das "erste Musical" der Bühnengeschichte überhaupt.

Der Kulturbetrieb konnte mit "King Arthur" und Purcells musikgeschichtlichen Sonderweg des barocken britischen Musiktheaters zwischen Restauration, Drama, höfischem Intermezzo und den Einflüssen der französischen und italienischen Opernstile lange wenig anfangen. Das Stück, bei dem aber die Hauptpersonen, King Arthur, seine Braut Emmeline und die angelsächsischen Widersacher Oswald und Osmond, überhaupt nicht singen, wird deshalb gerne als "Halboper" oder "Masques" von der Nachwelt etikettiert. Komponist Henry Purcell und der Dramatiker John Dryden, seit 1668 Poet Laureate am Hofe, lagen im Trend der Zeit, als sie mit "King Arthur" verschiedene Genres verknüpften: Schauspiel paart sich mit Oper, höfischer Tanz mit possenhaftem Schäferspiel, nationaler Mythos mit bissiger Satire.

Purcell schrieb etwa fünfzig solcher Schauspielmusiken (Masques) sowie sechs sogenannte Semi-operas (Halbopern). Bei den Masques handelte es sich um Musik, die zur Einleitung, in den Pausen oder zwischen den Akten des Schauspiels erklang; je nach Brauchbarkeit auch bei Gelübden, kirchlichen Handlungen. In ihrer Mischung von Musik und Tanz waren sie eine besondere britische Spezialität. Überwog in den Masques der musikalische Anteil, so bezeichnete man sie als "Semi-opera".

Die Einordnung von King Arthur fällt auch mit diesem System schwer, da die Musik durchaus konstitutiv ist und nicht wie bei der klassischen Semi-Oper nur Beiwerk. Die Hauptfiguren der Handlung sind zwar reine Sprechrollen, und die Musik greift erst an den Punkten ein, wo das Geschehen ins Übernatürliche und Phantastische übergeht. Sämtliche Gesangsrollen repräsentieren Geistererscheinungen und allegorische Figuren, allerdings im Kontext zum Werk. Man behilft sich daher oft mit der Schublade "Gesamtkunstwerk". Purcells einzige vollgültige Oper ist der einstündige Dreiakter "Dido und Äneas" - der Gipfel der frühen englischen Oper, aber auch ihr Ende.

Erlösergestalt King Arthur. Laut einer Überlieferung, deren historischer Hintergrund im Dunkeln liegt, gab es im 5. oder 6. Jahrhundert einen gewissen Artorius, Artus oder Arthur, der sich als Anführer der Briten der Invasion der Sachsen entgegengestellt haben soll, bis er in einer Schlacht den Eindringlingen unterlag. Aus dieser Figur wurde im Lauf der folgenden Jahrhunderte der mythische König Artus, der Herr der Tafelrunde und Besitzer des magischen Schwertes Excalibur, der sich auf die Suche nach dem heiligen Gral begibt und nach der Sage dereinst von seiner Toteninsel Avalon in der Stunde der größten Not zu seinem Volk zurückkehren wird. Auf die Erlösergestalt des Artus fokussierte sich in der Folgezeit das nationale Selbstbewusstsein der Briten gerade in politischen Krisensituationen, und der Gralskönig wurde zum Symbol für ein geeintes und starkes Britannien. Natürlich hing es immer von den gerade herrschenden Machtverhältnissen ab, wer sich als legitimer Nachfolger des Artus feiern lassen konnte.

König Charles II.  Mit dem Ende der Herrschaft des Lordprotektors Oliver Cromwell, der elf Jahre lang das Land als puritanischer Fundamentalist verwaltete, ging die Rolle an den König Charles II. über. Der Dichter Dryden hatte eine politische Allegorie im Sinn: es ging ihm um die Verklärung des damaligen englischen Königtums unter Berufung auf das Charisma der legendären Artus-Figur. Doch Charles II. durfte die Würdigung, die ihm Dryden zugedacht hatte, nicht mehr erleben: Der Monarch verstarb am 6. Februar 1685, und "King Arthur" blieb sechs Jahre in der Schublade, bis Dryden den Text 1691 revidierte und den Stoff in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Henry Purcell auf die Bühne brachte. Die Uraufführung fand 1691 im damals größten und prächtigsten Theater Englands, im Königlichen Theater Dorset Garden statt. Das Stück war einer der größten Erfolge des königlichen Theaters.

Drydens König Arthur. Dieser hat mit dem Mythos kaum noch etwas zu tun. Verschwunden sind die Motive der Tafelrunde und des Grals. Arthur wird hier zu einer sehr menschlichen Gestalt. Er liebt Emmeline, die blinde Tochter des Herzogs Conon von Cornwall, die aber auch vom Sachsenkönig Oswald umworben wird. In der sich entspinnenden kriegerischen Auseinandersetzung unterliegen zwar die Sachsen, doch Oswald gelingt es, Emmeline zu entführen. Im Kampf um Emmeline werden die Kontrahenten unterstützt durch Magier, allen voran Merlin auf der Seite Arthurs, und zahlreiche Geistererscheinungen, die den jeweiligen Gegner in die Irre zu führen versuchen. Im Zweikampf gelingt es Arthur schließlich, Oswald zu besiegen und Emmeline zurück zu gewinnen. Doch obwohl Arthur großherzig Oswald begnadigt und Merlin die Vision eines geeinten Britanniens unter einem gerechten Herrscher entwirft, bleibt die Frage, ob der Krieg überhaupt wirkliche Gewinner haben kann, offen.

Denn was auf den ersten Blick wie ein Kampf zwischen Gut und Böse und wie die Verklärung der Mächte des Lichts wirken könnte, ist doch bei näherer Betrachtung eine sehr differenzierte Auseinandersetzung mit den Mechanismen von Macht und Gewalt. Unübersehbar trotz allem Patriotismus ist Drydens versteckter hämischer Spott auf verbohrtes Heldentum und soldatische Tugenden. Und so unterscheidet sich Arthur gar nicht so sehr von Oswald, der Emmeline ebenfalls aufrichtig liebt und bereit ist, alles für sie aufs Spiel zu setzen. Mit Gewalt versuchen beide, das Ziel ihrer Wünsche zu erreichen, und merken dabei nicht, dass sie sich damit zunehmend von Emmeline entfernen. Denn sie bildet den Gegenpol zur schlichten Denkweise der Männer. Sie hat eine andere Sichtweise auf die Welt auf Grund ihrer Blindheit, die den Männern herablassend als Beschränkung gilt, Emmeline aber tiefere Einsichten ermöglicht. Mit entlarvender Naivität hinterfragt sie die männlichen Machtspiele, die im Kreislauf der Gewalt gefangen bleiben und das eigentliche Ziel, die Liebe, unerreichbar werden lassen.

Karl II. König von England und Schottland. (* 29. 5. 1630 London † 6. 2. 1685 London) Als Sohn König Karls I. hatte er seine Jugend vor allem in Frankreich und Holland verbracht. Nach der Hinrichtung seines Vaters 1649 in Schottland zum König ausgerufen, wurde er 1651 von Oliver Cromwell bei Worchester geschlagen und ging erneut ins Exil nach Frankreich. 1660 kehrte er nach England zurück und beendete die kurze republikanische Ära 1649-1659).

Mit seinem Lordkanzler Edward Hyde Clarendon, betrieb Karl zunächst eine vorsichtige Restaurationspolitik, die sich in den von der parlamentarischen Oligarchie gesteckten Grenzen hielt. Durch den Clarendon Code (1661-1665) wurde die Anglikanische Kirche als Staatsreligion wiederhergestellt. 1670 schloss Karl ein Geheimbündnis mit Frankreich, das ihm beträchtliche Subsidienzahlungen gegen die Zusicherung der Rekatholisierung Englands in Aussicht stellte. Ansätze zu einer Förderung der Katholiken durch eine Politik der religiösen Toleranz (Indulgenzerklärungen 1672) scheiterten jedoch am Widerstand des Parlaments, das von der katastrophalen Finanzlage der Krone profitierte und 1673 den Ausschluss der Katholiken von öffentlichen Ämtern durchsetzte (Test Act).

Karl versuchte daher zunehmend, unabhängig von parlamentarischen Geldbewilligungen zu regieren und sich eine eigene Hofpartei im Parlament zu halten, aus der später die Tories hervorgingen, während sich die Oppositionellen als Whigs formierten. Ab dem 17. Jahrhundert setzte sich "Tories" zunächst als Schimpfwort (irische Banditen), dann als Begriff für die Monarchisten und Landbesitzer im britischen Unterhaus durch. Bis heute ist die Konservative Partei Großbritanniens unter der Bezeichnung Tories bekannt. Mit ihren Ursprüngen ist sie eine der ältesten politischen Parteien der Welt.

Im Zuge der Krise nach Aufdeckung einer angeblichen Katholikenverschwörung (Popish Plot 1678) musste er jedoch mit der Habeas-Corpus-Akte des Parlaments die erste gesetzliche Garantie bürgerlicher Grundrechte zulassen (1679), um den Ausschluss seines Bruders Jakobs II. von der Thronfolge zu verhindern. Habeas Corpus gilt als eines der modernen Freiheitsrechte und ist heute Bestandteil jeder demokratischen Verfassung. Ein Untertan der englischen Krone durfte danach ohne gerichtliche Untersuchung nicht in Haft gehalten werden. Auch musste ihm der Grund der Verhaftung mitgeteilt werden. Ein Recht, das uns mit Guantánamo wieder in Erinnerung gerufen ist.