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08.02.2010

[8.Februar 1932] Die Abrissbirne als Schicksal

Am 8. Februar 1832 wurde der alte Packhof in Berlin abgebrochen. Man brauchte Platz für Schinkels Bauakademie. Im Juli 1961 war der Platz wieder das, was er vor 130 Jahren war: Exerzierfeld für die Abrissbirne. Doch nicht genug, auch 1995 war sie wieder am Werke, denn das DDR Außenministerium musste weichen.

Schlussstein. Bei einem schweren Bombenangriff am 3. Februar 1945 wurde auch die Bauakademie stark beschädigt. Trotz der bereits in den 50er Jahren aufgenommenen Wiederaufbaumaßnahmen fiel Anfang des Jahres 1960 im Zusammenhang mit dem Ideenwettbewerb zur sozialistischen Umgestaltung des Zentrums der Hauptstadt der DDR, Berlin die Entscheidung zum Abbruch der Bauakademie. Zwischen Juli 1961 und Februar 1962 wurde das was von der Schinkelschen Bauakademie nach dem Kriege noch übrig war abgetragen um 1967 den Bau des DDR Außenministeriums dort beginnen zu können.

Die junge sozialistische DDR verstand sich erklärtermaßen gegen alles Preußische und hatte mit den baulichen Zeugen der bourgeoisen Vergangenheit ihre ideologischen Schwierigkeiten. Deren prominentestes Opfer wurde schon bald das Stadtschloss. Warum aber die Bauakademie, mit ihrem Lager- und Fabrikcharakter?

Das hängt mit dem Erfolg der Schinkelschen Schule zusammen: Ein halbes Jahrhundert nach der Bauakademie war der rote Klinker zum Inbegriff preußischer Anstaltsarchitektur, von den Bahnhöfen, Schulen, Kasernen bis hin zu den Gefängnissen geworden.

DDR-Außenministium. Aber auch dem DDR-Außenministium war keine Dauer beschert. 1995 setzte die Abrissbirne dem Außenministerium, dem das innere Repräsentations-Objekt - der "Arbeiter- und Bauernstaat" - verloren gegangen war, das Ende. Heute ist das Grundstück neben der Friedrichwerderschen Kirche, ebenfalls ein Schinkel-Bau, wieder frei. Ein Stahlgerüst mit farbiger Fassade auf bedruckter Plane wirbt nun um Sponsoren für eine originalgetreue Rekonstruktion: Große Teile der Fassade, darunter Terrakotta-Schmuck und die Eingangstüren, sind ebenso noch vorhanden wie Schinkels Original-Baupläne. Initiativen und Pläne zum Wiederaufbau, Kostenschätzungen sowie Überlegungen zur künftigen Nutzung der Bauakademie gibt es bereits. Baubeginn sollte 2007 sein. Die Fertigstellung war für 2010 geplant. Die Baukosten wurden mit 25 Millionen Euro beziffert. Finanziert werden soll der Bau durch ein Spendenkonzept, das auf die breite Beteiligung der Bevölkerung einerseits und das Engagement von Großsponsoren andererseits setzt. Faktisch befindet man sich aber erst in der Auschreibungsphase.

Bauakademie. Eigentlich war die Schinkelsche Bauakademie ein städteplanerischer Schlussstein Schinkels. Seine wichtigsten Bauten in Berlin, das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt (1818-24), das Alte Museum am Lustgarten (1822-30) und die Friedrichswerdersche Kirche am Werderschen Markt (1825-28) waren bereits geschaffen. In dem alten Hafen-, Zoll- und Lagergebiet (Werder ist gleich Insel) fehlte nur noch der erwähnte Schlussstein. So musste es auch Schinkel selbst gesehen haben, hatte er doch das Privileg in der Bauakademie zu wohnen, obwohl er dort nie unterrichtete. Von seiner Wohnung dort konnte er auf sein städteplanerisches und architektonisches Werk blicken.

Es ist ein Bauwerk, das die Architektur durch seine Konstruktion und serielle Bautechnik bis heute beeinflusst hat. Das Gebäude für die Allgemeine Bauschule und die Oberbaudeputation, 1832-1836 erbaut, war eines der zentralen Gebäude in der Berliner Mitte. Der Bau gilt in seiner technologischen Ästhetik als erster bedeutender Industriebau Deutschlands, aus dem der Typus der Stockwerksfabrik hervorging. Angeregt wurde er von den englischen Fabrikbauten des frühen 19. Jahrhunderts und ist ein Musterbeispiel merkantiler Gewerbeförderung. Aufgrund ihrer Konstruktion aus tragenden Stützen und nichttragenden Wandelementen - was eine optimale Raumnutzung unter veränderten Bedingungen ermöglichen sollte - kann die Bauakademie als ein Vorläufer für die moderne Skelettbauweise angesehen werden.

Prägende Eindrücke von den weitreichenden Folgen der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung für Architektur und Städtebau, hatte Schinkel 1826 bei einer Reise nach England im Jahre erhalten. Neben seinem Interesse an den neuen technischen Errungenschaften wie der Eisenkonstruktionen und feuersicherem Gewölbebau, spricht aus Schinkels Aufzeichnungen und Skizzen auch eine tiefe Verunsicherung, die er gegenüber den architektonischen Erscheinungsformen der gerade entstehenden industriellen Massengesellschaft empfand. Die Erfahrungen seiner Englandreise, die Auseinandersetzungen mit den Problemen des Industriebaus und den Möglichkeiten neuer Konstruktionsprinzipien schlugen sich Schinkels architektonischem Werk der folgenden Jahre nieder.

Dies wird in besonderem Maße in der Konzeption des Neuen Packhofes deutlich, den Schinkel ab 1829 hinter dem Alten Museum auf der Berliner Spreeinsel errichtete. Die Anlage erschien nicht als öde Industrielandschaft sondern bildete mit den staatlichen Kultur und Repräsentationsbauten im Zentrum Berlins ein einheitliches Ensemble. Den nördlichen Abschluss der Baugruppe markierte ein fünfstöckiges Lagerhaus mit Fassaden aus Sichtbackstein, die Schinkel mit sparsamen architektonischen Mitteln gestaltete: Die einzelnen, sich nach oben verjüngenden Stockwerke wurden durch eine regelmäßige Abfolge von Rundbogenfenstern und umlaufende Gesimsbänder akzentuiert; verstärkte fensterlose Ecken und ein kräftiges Kranzgesims gaben dem kubischen Baukörper eine fest umrissene Kontur. Mit dieser Konzeption stellte Schinkel der Trostlosigkeit englischer Industriestädte, den ungeheuren Baumassen, nur von einem Baumeister, ohne alle Architektur und nur für das nackteste Bedürfnis allein aus rotem Backstein ausgeführt, einen sowohl die funktionalen wie auch ästhetischen Anforderungen berücksichtigenden städtebaulichen Entwurf gegenüber.

Die Bauakademie war dann der erste profane Rohziegelbau Deutschland und mit feinsten Ziegeln bekleidet, um deren Qualität, Farbe und Normierung sich Schinkel kümmerte. Schinkel ging hier über frühere Lösungen hinaus, indem er das tektonische Gerüst des Baus durch vertikale Stützen und horizontale Gesimsbänder an der Fassade in Erscheinung treten ließ. Das strukturale Element, die Segmentbogenkappe, später Preußische Kappe genannt, wurde auf einem Pfeilersystem mit Zwischenstützen (mangels Stahlträgern, die in Preußen noch zu teuer waren) seriell eingesetzt, die Serie der Elemente gleichsam dreimal geknickt zum städtebaulich wirksamen Kubus geformt. Diese Strukturierung wurde durch die Verwendung farbiger Klinker und eine antikisierende Ornamentik unterstrichen. Neben floralen Motiven kam bei der Dekoration der Fenster und Türen ein weitgespanntes ikonographisches Programm kunstvoller Terrakottareliefs zur Anwendung. So wurde an jedem Tor Ideenkreise wie die Architektur als Wissenschaft oder die Architektur als Kunst angedeutet, während die Fensterbrüstungen des ersten Geschosses die Entwicklungsgeschichte der Baukunst zeigten.

Der Wahl des Fassadenmaterials – unverputzter Ziegel – geht u.a. auf Schinkels eingehendes Studium der Marienburg und des Klosters Chorin sowie auf die Bekanntschaft mit den oberitalienischen Städten Ferrara, Siena und Bologna 1803-1805.

Backstein. Schinkel beschreibt die Verwendung des Materiales so: Der Bau ist in Backstein ausgeführt und bleibt in seinem Äußeren ohne Übertünchung und Abputz. Das Material ist deshalb mit besonderer Sorgfalt bearbeitet worden, alle Gliederungen und Simswerke, alle Ornamente und Basreliefs, die hermenartigen Stützen in den breiten Fenstern und die von ihnen getragenen Bogenausfüllungen sind in gebrannter Erde auf das genaueste ausgeführt und in den Bau selbst erst jedes Mal dann eingetreten, wenn die rohe, aber sorgsam ausgeführte Construktion ihnen ihren Platz gesichert und jeden Druck des sich setzenden Mauerwerks von ihnen abgewiesen hatte. Durch die ganze Façade ist jedesmal in regelmäßiger Höhe von fünf Steinschichten eine Lagerschicht von glasürten Steinen in einer sanften, mit dem Ganzen harmonischen Farbe angeordnet, theils um die röthliche Farbe der Backsteine in der Masse etwas zu brechen, theils um durch diese horizontalen Linien, welche das Lagerhafte des ganzen Baues bezeichnen, eine architektonische Ruhe zu gewinnen.