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16.02.2010

[16. Februar 1896] Die Sensationspresse wird getauft: Yellow Press

Die Geschichte des Fortschritts ist - wie so oft - auch hier eine amerikanische. Am 16. Februar 1896 erscheint die erste Folge von "The Yellow Kid", gezeichnet von Richard Felton Outcult in Joseph Pulitzers "New York World". Es ist nicht nur die Geburtsstunde der "grafischen Literatur", der Comics.  Vielmehr etabliert sich in der Folge auf "The Yellow Kid" die  "Yellow Press" als Gattungsbezeichnung.

The Yellow Kid. Am 16. Februar 1896 brachte die "New York World" in ihrer Sonntagsbeilage die gezeichnete Figur eines Lausbuben im langen gelben Nachthemd. Der Zeichner hieß Richard Outcault. Seine Figur, an sich eine Nebenfigur der Serie Hogans Alley, die seit jenem Tag regelmäßig jeden Sonntag erschien, erhielt den Namen "The Yellow Kid". Das Erscheinen der Zeichenfigur mit der ungewöhnlichen Farbe war ein großer Erfolg für die Zeitung und für ihren Besitzer Joseph Pulitzer, und die erfolgreiche Verwendung gelber Druckfarbe in einer Tageszeitung schuf auch einen neuen Begriff: "Yellow press". Heute bezeichnet man damit - allerdings meist in negativem Kontext - Sensations-, Regenbogen-, Boulevardpresse.

Die Geschichte des Fortschritts ist - wie so oft - eine amerikanische. Im Zuge des harten Wettbewerbes zwischen dem "Morning Journal" und Pulitzers "New York World" testete Pulitzer die gelbe Farbe auf der Unterhaltungsseite der "New York World". Testobjekt war "Yellow Kid", ein kleiner Junge mit abstehenden Ohren und einem bis auf den Boden reichendem gelben Nachthemd, der mit seinen Abartigkeiten die New Yorker Slums verunsicherte. So entstand der Terminus "Yellow Press", der bis heute dem Sensationsjournalismus anhaftet. Der Zeichner des "Yellow Kid" wurde übrigens von der Konkurrenz abgeworben und Pulitzer besorgte sich Ersatz, so dass dieselbe Figur in beiden Zeitungen erschien. Schlussendlich konnte Pulitzer den Rechtsstreit für seinen Verlag entscheiden.

Trotz dieser beachtlichen Markierung der Geschichte des Zeitungswesens und der Drucktechnik ist "Yellow Kid" heute eher wegen einer ganz anderen Pionierleistung bekannt: Einige sehen in diesem Ereignis die Geburtsstunde der Comics, andere weitergehend als einer gänzlich neuen Kunstart: der grafischen Literatur. Für die Puristen soll aber der guten Ordnung halber folgende Informationen nicht unterschlagen werden: Vielerorts wird Wilhelm Busch als Vater der Comics genannt. Andere sehen die ersten Comics bereits in den Bilderbögen des 14. und 15. Jahrhunderts. Erste Bildergeschichten zeichnete der oft ebenfalls als der Ahnvater der Comics benannte Schweizer Schriftsteller, Künstler und Universitätsprofessor Rodolphe Toepffer (1799- 1846). Er veröffentlichte 1833 sein erstes Album "Histoire de Monsieur Jabot". Darauf folgten noch sechs weitere Bände. Seine Werke wurden zunächst nur in französischer, später aber auch in deutscher, englischer und holländischer Sprache veröffentlicht.

Aber immerhin darf man Richard Felton Outcault zu den Gründungsvätern des Comicstrips zählen und ist er wohl der wichtigste unter ihnen. Er erfand nicht nur "Yellow Kid" und "Buster Brown", sondern den Comicstrip selbst: "Hogans Alley". Naturalistische Hinterhofszenen, comiclike aber ist die Hauptfigur Mickey Dugan, the "Yellow Kid". Outcraft benutzte teilweise schon Sprechblasen, ansonsten finden sich die Texte als Bildunterschriften oder ins Bild offen integriert. "Yellow Kid" ist aber noch kein klassischer Comicstrip in unserem heutigen Verständnis, er war noch nur ein einzelner seitenfüllender Cartoon.

Mittelalterlicher Comicstrip. Der Teppich von Bayeux, entstanden um 1070/80, ist ein Wandbehang von ursprünglich wohl über 70 Metern Länge (erhalten sind 68,38 Meter) und 45,7 bis 53,6 cm Höhe, ein schmaler, sehr langer Streifen aus Leinwand, der fortlaufend bestickt ist mit 60 farbigen Bildszenen aus der damals jüngstvergangenen Geschichte: Er berichtet, wie Wilhelm , Herzog der Normannen König von England wurde. Ein besonderes Merkmal des Teppichs ist die kontinuierende Darstellungsweise. Durch Bäume und hohe, turmartige Architekturelemente wird die Bildererzählung gegliedert. Er ist aus acht schmalen Stoffbahnen zusammengenäht und sieht damit wie ein langes Band aus. Die Farben der Wollstickerei sind in ihrer ursprünglichen Frische erhalten. In insgesamt 58 Szenen angefüllt mit Bewegung und Dramatik treten Menschen aller Schichten auf, neben ihnen aber auch zahllose Tiere, Bäume, Schiffe, Waffen und Gebäude. Am oberen Schmuckrand erläutert ein durchgehend eingestickter lateinischer Text die Handlung.

Bildgeführte grafische Literatur. Trotz ihrer mittlerweile langen Geschichte blieb die grafische Literatur immer im Schatten seiner "Paten" Bildkunst und Literatur, von den "großen" Künsten meist einfach nur "übersehen", teils aber auch als unerwünschter Bastard verfolgt und verstoßen. Erst in unserem Jahrhundert begann man die grafische Literatur als eigene Kunstform wahrzunehmen, die ihre eigene "Sprache", ihre eigenen Ausdrucksmittel schuf. Die frühen Bildgeschichten (Busch, Toepffer, Hoffmann etc.) kannten diese Sprache noch nicht. Jedes Bild wurde noch mit fortlaufender Lyrik oder Prosa erklärt, war noch "textgeführt". Seit dem Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann hängt diesen Bildgeschichten wie auch den Comics bis heute die Verkleinerung "Kinderliteratur" an.

Der Schritt zur Neuerung war die bildgeführte Bildergeschichte, die keinen fortlaufenden Leittext mehr hat. So wie der Tonfilm die Texttafeln des Stummfilms überflüssig machte, so entledigte sich auch die Bildergeschichte des Leittextes und begann, das gesprochene Wort mit Hilfe von "Sprechbehältern" ins Bild zu integrieren - eine geniale Erfindung, die geradezu zum Markenzeichen der modernen grafischen Literatur geworden ist. Dabei ist auch hier das Rad nicht neu erfunden worden. "Sprechbänder" zieren bereits die Münder biblischer Figuren in alten Kirchengemälden; englische Karikaturen des vorigen Jahrhunderts hatten schon eine Art "Sprechwolken". "Yellow Kid" schließlich hatte als "Sprechbehälter" sein Nachthemd! Doch schon im Jahr darauf bekam er Konkurrenz, als in New York Rudolph Dirks die Lausbuben Max und Moritz als "The Katzenjammer Kids" wiederauferstehen ließ und sie mit den auch heute üblichen Sprechblasen und Bewegungs- und Kollisionslinien versah.

Pulitzer-Prize. Als am 29. Oktober 1911, Joseph Pulitzer (geb. 10. April 1847 in Makó) schwer krank und erblindet starb, war er der Schöpfer der modernen Tagespresse, der mit Sensationsjournalismus und Enthüllungsstories hohe Auflagen erzielte. Kaum jemand kennt ihn als den Produzenten des Comics. Joseph Pulitzer, in Ungarn geboren, war für den amerikanischen Bürgerkrieg rekrutiert geworden und kam so nach Amerika. Im Zuge von Zeitungs- und Verlagsgeschäften avancierte er zu einem der einflussreichsten und mächtigsten Zeitungsverleger der USA. Aus einem anrüchigen Yellow-press-Verleger wurde ein angesehener Amerikaner als es ihm gelang, mit einem Zeitungsaufruf die fehlenden 100.000 Dollar für das Podest der Freiheitsstatue binnen Kurzem zu sammeln.

Nach ihm ist der renommierteste Preis für Journalisten, der seit 1917 in den USA verliehene Pulitzer Prize, benannt. Insgesamt gibt es 21 Kategorien des Pulitzer-Preises, davon 14 im Bereich "Aktueller Journalismus" (Tageszeitungen und Publikationen, die mindestens einmal pro Woche erscheinen); zusätzlich vergibt die Pulitzer-Journalisten-Schule der New Yorker Columbia University jährlich sieben Auszeichnungen in den Bereichen Literatur, Theater und Musik. Mit seinen Auszeichnungen für Romane und Sachbücher ist er der wichtigste US-amerikanische Literaturpreis. Er ist bei den Journalisten ebenso berühmt und begehrt wie der Nobelpreis bei den Wissenschaftlern oder der Oscar bei der Filmindustrie.

Art Spiegelman. 1992 bekam erstmals für einen Comic den Pulitzer-Prize, für "Maus, die Geschichte eines Überlebenden". Art Spiegelmans Comic zeigt die "Ausrottung" der europäischen Juden während des II. Weltkriegs als Katz-und-Maus-Spiel: Der amerikanische Cartoonist, Sohn jüdischer Immigranten, machte sich die Metapher der Täter zu eigen und verarbeitete die Erinnerungen seines Vaters Wladek an die Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Form einer Tierfabel. Die Protagonisten in "Maus" sind der New Yorker Autor selbst und sein Vater, Wladek Spiegelman, der in den polnischen Städten Tschenstochau und Sosnowitz aufwuchs, von den Nazis nach Auschwitz deportiert wurde und nach seiner Befreiung in die USA auswanderte. Spiegelman beschreibt den Dialog zweier Generationen und wählt gleichzeitig zwei Erzählebenen: die der Geschichte und die der Geschichtsschreibung. "Maus" ist eine etwas unorthodoxe, aber dennoch klassische Oral History - eine seit den siebziger Jahren populäre historische Disziplin der "Geschichte von unten", die in der Holocaust-Forschung ihre bisher umfangreichste Ausprägung gefunden hat.

Die Figur Art Spiegelman archiviert die Erinnerungen seines Vaters mit einem Kassettenrekorder. In den entsprechenden Passagen schildert der Comic die Begegnungen und Auseinandersetzungen der beiden Anfang der achtziger Jahre. Die andere Ebene besteht aus eben jenen Erfahrungen Wladeks vor und während der Nazi-Zeit - und den Bildern, die ihnen der Künstler verleiht. Zwei entgegengesetzte Zeiten und Orte, im Comic Ausdruck einer tragikomischen Dialektik: das assimilierte Senioren-Ghetto zwischen Fitness-Fahrrad und Bingo-Nachmittag in Amerika und die traditionelle jüdische Lebenswelt Mitteleuropas, für immer zerstört von den Schergen Hitlers. Spiegelmans visuelle Darstellung in "Maus" beschränkt sich auf wenige Stilmittel. Die Zeichnungen sind schwarz-weiß, fast immer gleich groß und wirken skizzenhaft. Die mit wenigen präzisen Strichen konstruierten Gesichtszüge erzielen besonders bei Großzeichnungen die großen dramatischen Effekte.

Spiegelman begann seine Karriere als avantgardistischer Underground - Künstler und unterrichtet heute an der New Yorker School of Visual Arts. Dass bewusstes Understatement die Grafik in "Maus" bestimmt, wird spätestens in dem deutlich abweichenden, expressionistischen "Prisoner on the Hell Planet" klar, einem vierseitigen Comic im Comic des ersten Bands, in dem sich Spiegelman mit dem Selbstmord seiner Mutter auseinandersetzt. Er erschien bereits 1973 in einem anderen Comic-Magazin. Zuletzt erschien sein Album "Im Schatten keiner Türme", einer der vielleicht eindrucksvollsten künstlerischen Auseinandersetzungen mit den Anschlägen des 11. September.

1930 lernten sich Wladek Spiegelman und Anja Zylberg - Art Spiegelmans Eltern - in Sosnowitz, Polen kennen. Nach der Heirat bekommt Wladek von Anjas wohlhabenden Eltern eine Texilfabrik. 1938 wird ihr Sohn Richieu geboren, der den Krieg nicht überlebt. Gleichzeitig beginnt sich die Lage der Juden auch in Polen zuzuspitzen. Kurz vor Kriegsbeginn wird Wladek eingezogen und gerät so in Kriegsgefangenschaft. Nach der Entlassung kehrt er nach Sosnowitz zurück. Die Tragödie der Familie Spiegelman beginnt jetzt: Registratur aller Juden, lebensgefährliche Geschäfte auf dem Schwarzmarkt, überleben im Ghetto. Mit viel Glück, Beziehungen, Geld und Wertgegenständen gelingt es Wladek und Anja immer wieder auf der Flucht und in Verstecken zu entkommen, bis sie schließlich 1944 von Menschenschmugglern verraten und nach Auschwitz deportiert werden. Nach der Befreiung erhält er im "Displaced Persons"-Lager Garmisch-Patenkirchen Papiere. Wladek erfährt, dass seine Frau Anja lebt und in Sosnowitz ist. Der kleine Sohn und fast alle Angehörigen sind ermordet worden. Anja und Wladek wandern über Schweden, wo 1948 Art geboren wird, nach New York aus. Anja nimmt sich 1968 das Leben, Wladek stirbt 1982.