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30.01.2010

[Vorarlbergensia] Rabbiner Aron Tänzer (*30.1.1871-†26.2.1937)

Aron Tänzer wurde am 30. Januar 1871 in Preßburg (heute Bratislava in der Slowakei, damals Ungarn) geboren. Er entstammte einer alten Rabbinerfamilie mit langer Tradition: Sein Vater war der Rabbiner und Kaufmann Heinrich Tänzer, seine Mutter Marie Schlesinger. sie arbeitete als Weißnäherin für die Presßburger Judenschaft.

Preßburg. Die Stadt Preßburg war im 19. Jahrhundert ein Zentrum jüdischer Kultur im Osten und eine Hochburg der Erforschung und Lehre jüdischer Theologie. Das geistig-kulturelle Klima in der Stadt, das Zusammenleben verschiedener konfessioneller und völkischer Gruppen und das intensive Erleben der orthodoxen jüdischen Gemeinschaft prägte den jungen Aron Tänzer. In diesen Erfahrungen wurzeln sein nie nachlassender Optimismus und Humanismus.

Dort besuchte Aron Tänzer die Volks- und Mittelschule und von 1885 an für fünf Jahre die Rabbinatshochschule. Schon in frühen Jahren galt Aron als "wunderkind". Mit großem Erfolg studierte er an der berühmten Preßburger Jeschiwa (Talmudhochschule). Im Sommer 1895 bestand Aron Tänzer mit guter Note das Examen.

Studium. Im Alter von 21 Jahren immatrikulierte sich Aron Tänzer an der Königlichen Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin. Er studierte Philosophie, Germanistik und semitische Philologie. Wie viele seiner Glaubensbrüder strebte er eine umfassende jüdisch-abendländische Bildung an. 1894 wechselte Tänzer an die Universität Bern, um zu promovieren.

Großen Einfluss auf ihn hatten der Philosoph Moritz Lazarus (1824– 1903), weiters der Philosoph Wilhelm Dilthey (1833–1911) und der Orientalist Hermann Strack (1848–1922). Tänzer, der seinen persönlichen Neigungen entsprechend gerne Schauspieler geworden wäre, veröffentlichte in Berlin 1894 auch sein erstes Bühnenstück 'Borgen macht Sorgen', dem 1900 und 1936 weitere folgten.

1895 schloss Tänzer in Bern seine Studien mit dem Dr. phil. ab; Thema seiner unter Professor Ludwig Stein (1859–1930) entstandenen Dissertation war "Die Religionsphilosophie Josef Albo's nach seinem Werke "Ikkarim' systematisch dargestellt und erläutert" (Preßburg 1896). Mit dem Doktorexamen in der Tasche bemühte sich Aron Tänzer um eine Anstellung als Rabbiner. Das hierfür notwendige Diplom erhielt er in der Gemeinde Obornik in der damaligen preußischen Provinz Posen am 20. August 1895 ausgehändigt. Die Arbeitssuche führte ihn zunächst nach Fogaras in Siebenbürgen.

Ehe. 1896 hielt sich Tänzer im ungarischen Totis auf, wo er am 2. Juni 1896 Eleonore Rosa Handler geheiratet hatte. Bei seinem Schwiegervater, dem Rabbiner Mark Handler, fand er eine Anstellung als Subrabbiner. Im Oktober desselben Jahres lebte Tänzer in Buczacz in Galizien, wo er das Heimatrecht und damit die österreichische Staatsbürgerschaft erworben hat. Dies geschah wohl bereits im Hinblick auf eine Bewerbung nach Hohenems.

Hohenems. Im Oktober 1896 bewarb sich Aron Tänzer mit Erfolg auf die freie Rabbinerstelle in Hohenems.  In Hohenems selbst lebten bei Tänzers Amtsantritt nur noch 100 Juden. Mit der überall zu beobachtenden Landflucht hatte die 1617 gegründete Israelitengemeinde viele Glaubensgenossen verloren. Hier entstand auch das große Werk "Die Geschichte der Juden von Hohenems", welches 1905 in Meran erschien. Das Wirken Tänzers in Hohenems, wo er sich für ein gutes Verhältnis zwischen Juden und Christen einsetzte, war überaus segensreich. Sein fundamentales Geschichtswerk zu den Juden in Hohenems wurde 1971 und 1982 in Bregenz neu aufgelegt.

Meran. Da Tänzer auch für die Juden in Südtirol zuständig war, fasste er frühzeitig den Plan, seinen Amtssitz nach Meran zu verlegen, dessen jüdische Gemeinde expandierte.  1901 weihte er die dortige Synagoge ein. Über die Zulässigkeit der damit vollzogenen Ablösung der Tiroler Juden von der Hohenemser Kultusgemeinde entstand ein heftiger Streit, an dessen Ende die Unrechtmäßigkeit der Trennung festgestellt worden ist. Nachdem in Hohenems wieder ein Rabbiner angestellt wurde, blieb Tänzers Stellung in Meran nicht länger haltbar.

Gründer der Göppinger Stadtbibliothek. Er bewarb sich nun auf die ausgeschriebene Rabbinerstelle in Göppingen, die ihm am 1. September 1907 übertragen worden ist. Mit der Anstellung war der Eintritt in das württembergische Staatsbürgerrecht verbunden. Aron Tänzer stellte hier seine Kräfte nicht nur in den Dienst der jüdischen Gemeinde, sondern setzte sich - über konfessionelle Grenzen hinweg - für kulturelle und soziale Ziele ein. Beeinflusst auch von der 1900 einsetzenden Volksbildungsbewegung bildete sich in Göppingen ein "Komitee zur Bekämpfung der Schmutz- und Schundliteratur". In dieser Initiativgruppe ist Tänzer der Vordenker. Sein Ziel ist die Einrichtung einer öffentlichen Leihbibliothek. Im Juli 1911 übergab er der Stadt eine Bibliothek mit 1000 Bänden. Weil die Raumfrage schwierig zu lösen war, konnte die Städtische Leihbücherei aber erst ein Jahr später eröffnet werden. Die städtische Einrichtung betreute Tänzer fast zwanzig Jahre ehrenamtlich.

Feldrabbiner. Den Ersten Weltkrieg machte er als Feldrabbiner freiwillig mit. Drei Jahre, bis zum 19. November 1918, diente er als Armeerabbiner an der Ostfront. Er war die meiste Zeit in Brest-Litowsk und Pinsk stationiert.

Umso härter traf den Patrioten der nationalsozialistische Umschwung. Tänzer zog sich in die innere Emigration zurück; er widmete sich einer Biografie seines Lehrers Moritz Lazarus und schrieb an einem vielbändigen Werk "Die Thora im Talmud". Die Zerstörung seiner Synagoge in Göppingen erlebte der am 26. Februar 1937 Verstorbene nicht mehr mit. Ein gutes Jahr vor seinem Ableben hatte Tänzer sein Testament gemacht. Darin legte er auch den Ablauf seines Begräbnisses fest. Er wollte von einem Berufskollegen beerdigt werden. Und es war sein Wunsch, dass "keinerlei Dankrede, Nachruf oder dergleichen gehalten, auch keinerlei deutsches Gebet" gesprochen werde. Unter Punkt 10 seines Testaments legte er die Inschrift für seinen Grabstein fest: "Meine Grabinschrift soll lauten: Dr. phil. Aron Tänzer, Rabbiner in Hohenems, Göppingen, Feldrabbiner im Weltkriege 1915-1918, Ritter hoher Orden, Verfasser wissenschaftlicher Werke, geb. 30.1.1871, gest. ... Dann Raum lassen für die Grabinschrift für meine zweite Frau."

Theresienstadt. Tänzer hinterließ eine Frau und sechs erwachsene Kinder. Die schon erwachsenen Kinder lebten beim Tod des Vaters nicht mehr im elterlichen Haus. Fritz war Kaufmann in Tel Aviv, Irene lebte in Budapest, Hugo arbeitete als Kaufmann in Wien, Ilse wohnte in London. Paul war Rechtsanwalt in Stuttgart und Erwin studierte noch in Berlin. Seine zweite Frau Bertha Strauss wurde am 29. September 1943 in Theresienstadt ermordet.

Werk. Mit weit über hundert Titeln hat Tänzer ein riesiges literarisches Werk von großer Vielseitigkeit hinterlassen. Sein Interesse galt vor allem der Geschichte der Juden. Über alle seine Wirkungsorte hat er fundierte Bücher geschrieben. Als Feldrabbiner schrieb Dr. Tänzer verschiedene Abhandlungen über seine Einsatzorte im Osten.

Aron Tänzer war ständiger Mitarbeiter verschiedener in- und ausländischer Zeitschriften. Für das Israelitische Familienblatt und die Allgemeine Zeitung des Judentums schrieb er regelmäßig Artikel. Von 1910 bis 1914 war er Herausgeber der Straßburger Israelitischen Wochenschrift.

Bühne. Hätten sich Tänzers Jugendträume erfüllt, dann wäre er Schauspieler geworden. Seiner frühen Liebe zum Theater blieb er zeitlebens treu und verfasste sogar drei Bühnenstücke. Ein viertes Werk, "Die Tragödie der Juden", blieb unvollendet.