[3. Februar 1963] Dadas Geburtstag: Kinder machen auf Fluxus
Es war zwar unbeabsichtigt, ab doch der Jahrestag der Dada-Gründung als von Nam June Paik und Joseph Beuys initiiert und in Absprache mit Fluxus-Gründer George Maciunas das "Festum Fluxorum" am 2. und 3. Februar 1963 in der Aula der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf abgehalten wurde.
Fluxus-Ziele. Erstmals als Begriff tauchte "Fluxus" auf der Ankündigung einer Wiesbadener Konzertreihe auf, die von dem aus den USA eingereisten Litauer George Maciunas im September 1962 organisiert wurde. Fluxus ein Sammelbecken von Avantgardekunst, in dem von Nam June Paik über George Brecht, Addi Köpcke, Emmett Williams, Dick Higgins, Alison Knowles, Yoko Ono, Joe Jones, Ben Vautier, Robert Filliou, Daniel Spoerri, Joseph Beuys oder sogar Per Kirkeby sich nahezu alle Künstler irgendwann einmal tummelten, die Kunst mit dem miteinander aussöhnen wollten. In ihren Veranstaltungen knüpften sie an die Tradition des Dadaismus an, indem sie die stufenweise Eliminierung der schönen Künste und die Ausrichtung auf sozial konstruktive Ziele forderten.
Dada - Fluxus. Als Hugo Ball am 2. Februar 1916 durch eine Pressenotiz die junge Künstlerschaft Zürichs einlud, sich ohne Rücksicht auf eine besondere Kunstrichtung mit Vorschlägen und Beitragen an den Programmen der von ihm gegründeten "Künstlerkneipe Voltaire" zu beteiligen, waren die Weichen für den Dadaismus schon gestellt, die neuen ästhetischen Forderungen in zahlreichen Manifesten und Artikeln, unter anderem und vor allem der Futuristen und des Sturmkreises, bereits vorformuliert. Aber dieses Datum war für das "Festum Fluxorum" kein Traditionstag sondern Fluxusgründer George Maciunas schrieb an den Veranstalter Beuys "2. und 3. Februar (Samstag & Sonntag) würden uns sehr gut passen". Dabei waren die heute weltbekannten und wohl auch "teuren" Künstler noch knapp bei Kasse, denn Maciunas schreibt weiter: "In Anbetracht des reduzierten Rahmens wären wir nicht in der Lage, die Publicity (Plakate, Zeitungsanzeigen etc.) oder die Programme oder die Saalmiete zu bezahlen. Fahrt und Übernachtung (falls ein billiges, sehr billiges Hotel gefunden werden könnte) ist alles, was wir bezahlen können".
Das entsprach wohl auch noch Macunias Konzept. In einem langen Schreiben an den Fluxus-Künstler Thomas Schmit im Jänner 1964 definiert er Fluxus:
"Die Fluxus-Ziele sind soziale (nicht ästhetische). Sie stehen (ideologisch) in Verbindung mit denen der LEF-Gruppe – 1929 in der Sowjetunion - und richten sich auf: Stufenweise Eliminierung der schönen Künste (Musik, Theater, Poesie, Prosadichtung, Malerei, Bildhauerei, etc. etc.). Dies motiviert der Wunsch, die Verschwendung von Material und menschlichen Fähigkeiten (wie den deinen) aufhören zu machen und dieses Material und diese Fähigkeiten auf sozial konstruktive Ziele zu richten, etwa die angewandten Künste: industrielles Design, Journalismus, Architektur, Ingenieurwissenschaft, grafisch-typografische Künste, Drucken, etc., die alle den schönen Künsten nahe verwandte Bereiche sind und dem Schönen Künstler beste Berufswechselmöglichkeiten bieten. (Alles klar bis hierher?)."
So ist Fluxus strikt gegen das Kunst-Objekt als funktionslose Ware, die nur dazu bestimmt ist, verkauft zu werden & dem Künstler den Lebensunterhalt zu geben. Es kann höchstens vorübergehend die pädagogische Funktion haben, den Leuten klarzumachen, wie überflüssig Kunst ist, und wie überflüssig es schließlich selbst ist. Es sollte deshalb nicht permanent sein. (Übrigens ist es eine gute Lehrmethode, Kunst zu verspotten und Avantgarde-Kunst zu verspotten! oder sich selbst! – das wirst du in der ersten Nummer der V TRE-Zeitung sehen, die ich dir als Drucksache schicken werde.) Deshalb ist Fluxus antiprofessionell (gegen die professionelle Kunst oder Künstler, die durch Kunst ihren Lebensunterhalt verdienen oder ihre gesamte Zeit, ihr Leben der Kunst widmen).
Zweitens ist Fluxus gegen Kunst als Medium und Vehikel fürs Künstler-Ego; die angewandten Künste haben das objektive Problem, das zu lösen ist, auszudrücken, nicht des Künstlers Persönlichkeit oder Ego. Deshalb tendiert Fluxus zum Geist des Kollektivs, zu Anonymität und ANTI-INDIVIDUALISMUS – auch zu ANTI-EUROPÄISMUS (Europa als das Gebiet, das die Ideen des Kunstprofessionalismus, der l'art-pour-l'art-Ideologie, des Ausdrückens des Künstler-Ego durch die Kunst, etc. etc. am stärksten unterstützt, gar hervorgebracht hat). All die FLUXUS-Konzerte, -Publikationen, etc. sind bestenfalls (in wenigen Jahren) vorübergehende Übergangslösungen zu der Zeit, da die schönen Künste (oder zumindest ihre institutionellen Formen) völlig eliminiert werden können und die Künstler andere Beschäftigungen finden."
So bemerkenswert diese Absichtserklärung Maciunas ist, so ist Fluxus als "linkes Projekt" doch wohl gescheitert und die Bezugnahme auf die LEF-Gruppe der Sowjetunion (Linke Front der Künste) die von Majakovskij geleitet wurde, Vision geblieben. Die Gruppe LEF war eine Sammlungsbewegung der linken Avantgarde unter den Künstlern der jungen Sowjetunion, die teilweise vom Futurismus kamen und in scharfer Opposition zu jeglichen reaktionären Kulturkonzepten wie etwa dem "sozialistischen Realismus" standen. Aber es war wohl auch eine gänzlich andere Zeit und der Rückgriff sowohl auf Dada als auch auf die LEF-Gruppe entsprach wohl eher dem Wunsch nach Legitimation über den Zeitgeist hinaus. Tomas Schmit hat in Deutschland die Fluxusbewegung als "Zusammentreffen von amerikanischer Stillosigkeit und europäischer Stilverdrossenheit" bezeichnet. Tatsächlich war allen Fluxuskünstlern die Erkenntnis gemeinsam, dass die Zeit der althergebrachten, nach immanenten "Qualitätsmaßstäben" zu messenden Kunst vorbei sei. Klar war daraus auch allen, dass man die Menschen an der Kunst beteiligen muss. Dennoch war Fluxus - für die heutige Kunstszene bahnbrechender Wegbereiter - in den 1960er-Jahren für nahezu niemanden außerhalb von Malerei und Plastik interessant.
Namensgeber George Maciunas. Erstmals als Begriff tauchte "Fluxus" auf der Ankündigung einer Wiesbadener Konzertreihe auf, die von dem aus den USA eingereisten Litauer George Maciunas im September 1962 organisiert wurde. George Maciunas floh mit seinen Eltern 1944 aus Litauen zuerst nach Bad Nauheim und geht dann 1948 in die USA. 1961 kommt er als Zivilangestellter (Graphiker) der US Air Force nach Deutschland. Durch Nam June Paik lernte Maciunas Emmett Williams kennen, der in Darmstadt für eine Armeezeitung arbeitete; außerdem Wolf Vostell, Karlheinz Stockhausen. "Fluxus" bezeichnete bald die Aktivitäten dieser Künstler und vieler Freunde. Zunächst fanden in Wuppertal und Düsseldorf so genannte "action music" - Abende statt, die weniger Musik als Performance-Elemente enthielten.
Der Begriff "Fluxus" wurde von Maciunas als litauischer Begriff gewählt, für eine Zeitschrift der litauischen Kulturgruppe in New York. Er bezeichnet in der Medizin eine "fließende Darmentleerung". Der Begriff korrespondiert mit der Weltsicht des Dadaisten Hans Arp, der die dadaistische Kunst als Antikunst sah die"... unmittelbar den Gedärmen des Dichters entspring." Der Name wird aber entgegen dieser naheliegenden Ableitung historisch interpretiert: 1960 geben die Cage-Schüler La Monte Young und Jackson Mac Low eine Anthologie der von ihrem Lehrer initiierten neuen Kompositionsweise heraus, die von George Maciunas gestaltet wird. Alles Material, das nicht in dieser Sammlung berücksichtigt ist, will Maciunas als so genannte "Fluxus" fortan sukzessiv publizieren, weshalb diese aus der Musik abgeleitete Aktionskunst auch die Bezeichnung Fluxus erhält. Fluxus ist denn auch eng mit Musik, Aktion und Happening verbunden. Collageartig komponierte Aktionsabläufe, die auf Grund des Zusammentreffens von akustisch-musikalischen und choreographischen Ausdrucksformen als Konzert bezeichnet wurden und oft von mehreren Künstlern im Kollektiv aufgeführt wurden.
Festum Fluxorum. Aus diesen Aufführungen gingen die eigentlichen Fluxus-Festivals hervor, die am 1.September 1962 in Wiesbaden begannen, und dann in Kopenhagen, Paris, Düsseldorf, Amsterdam stattfanden. Dort inszenierten die Künstler kurze dadaistische Szenen, bei denen Musikinstrumente und deren Manipulation allerdings eine Rolle spielten. Die Wurzeln von Fluxus in der zufallsbestimmten und Alltagsgeräusche miteinbeziehenden Musik aus dem Cage-Umkreis wird so bereits durch die Bezeichnung der Fluxusaufführungen als Konzerte nahe gelegt. Vor allem durch Filliou, Köpcke und Williams kam auch eine dadaistische, konventionelle Sprachgewohnheiten verulkende Facette hinzu. Typisch für Fluxuskonzerte sind kurze Aktionen, die einfache Handlungen wie beispielsweise das Zersägen eines Klaviers oder das tröpfchenweise Füllen eines Eimers mit Wasser vorführen und so im Sinne von Zen die Bedeutsamkeit des Alltäglichen bewusst machen wollen. Später kamen die von Maciunas edierten und von über fünfzig Fluxuskünstlern entworfenen Objektkästchen und -koffer hinzu, deren Sinn in ihrer massenhaften Verbreitung bestehen sollte.
Global - Intermedial. Hinsichtlich der Konzeption, die Grenzen zwischen Kunst und Alltag zu verwischen, muss Fluxus als Vorläufer der Performance und der Video-Art gesehen werden. Fluxus verstand sich auch als weltweit agierende globale Bewegung, sie ignoriert Grenzen, umfasst Künstler des fernöstlichen Asien, den USA und Europa und nimmt Bezug auf die russischen Traditionen der LEF-Gruppe. Wahrscheinlich die erste wirklich internationale und intermediale Bewegung des 20. Jahrhunderts.
- Links:
Fluxus (1962-1978)
www.kunstwissen.de/fach/f-kuns/b_postm/pm01.htm
Eine lange Geschichte mit vielen Knoten
cms.ifa.de/ausstellungen/ausstellungen-im-ausland/bk/fluxus/ausgewaehlte-werke/john-cage/
Wolfgang Sterneck / Dada, Happening und Fluxus
www.sterneck.net/musik/dada-fluxus/index.php
George Maciunas




