19. November: "Du hast meinen Juden getötet – und ich deinen!"
"Du hast meinen Juden getötet – und ich deinen!" prahlte am 19. November 1942 der Mörder des polnischen Grafikers und Schriftstellers Bruno Schulz gegenüber seinem rivalisierenden Nazischergen. Beide hatten sich zur persönlichen Ausbeutung Leibjuden wie Nutztiere gehalten.
Exerzierfeld der Psychopathologie und Kriminalität. Drohobytsch war vor 1919 ein Teil des österreichischen Kronlandes Galizien mit der Hauptstadt Lemberg. Danach war sie polnisch bzw. durch Russen oder Deutsche besetzt. Nach 1945 wurde die Stadt der Ukraine zugeschlagen. Als deutsche Truppen in die Sowjetunion einmarschierten, geriet auch Drohobytsch unter nationalsozialistische Besatzung. So kamen die schlimmsten Zeiten für die Drohobytscher Juden. Ein Getto wurde eingerichtet, und es begann die Abgrenzung, die Misshandlung und die Ermordung der jüdischen Bevölkerung.
1941 wird der in Wien geborene SS-Hauptscharführer Felix Landau nach Drohobycz versetzt, wo er sich bald "Judengeneral" nennen lässt (Felix Landau warr übrigens schon 1934 an der Ermordung Engelbert Dollfuss aktiv beteiligt). Zusammen mit ihm kommen zwei Kinder aus erster Ehe und seine neue Lebensgefährtin. Sie beziehen eine Wohnung im schönen und für Drohobyczer Verhältnisse ziemlich originellen Haus, das bis heute die "Landau-Villa" genannt wird. Für die Freundin, die er kurz darauf heiratet, führt Landau ein Tagebuch, in dem er eingehend seine Teilnahme am Judenmord beschreibt. Die Gefühlskälte, die er daraus erkennen lässt, zeigt, dass dieser österreichische Holocausttäter in einem "normalen Leben" auch nichts anderes als ein zur Perversion neigender Krimineller gewesen wäre.
Der 1910 in Wien geborene Kunsttischler, trat 1931 der NSDAP bei. 1934 beteiligte er sich aktiv am Juliputsch der österreichischen Nationalsozialisten, wofür er zu einer zweieinhalbjährigen Kerkerstrafe verurteilt wurde. 1937 floh er nach Deutschland, um einer neuerlichen Verhaftung zu entgehen. Nach dem "Anschluss" Österreichs wurde Landau Beamter der Gestapo und als solcher Ende 1939 nach Polen versetzt. Im Sommer 1941 meldete er sich freiwillig zum Dienst in einem Einsatzkommando, das im Gebiet von Drohobycz, Galizien, Tausende Juden bestialisch ermordete. 1939 bestand die Bevölkerung von Drohobycz aus 36.000 Einwohnern, wovon 17.000 jüdischen Glaubens waren. Während der deutschen Besatzung wurden die meisten Juden in dem Vernichtungslager Belżec und im Wald von Bronica ermordet. 1944 hatten nur noch 400 Drohobyczer Juden überlebt. Nach seiner Rückkehr nach Wien 1943 trat Landau seinen Dienst im Referat "Vergehen gegen das Heimtückegesetz" bei der Gestapoleitstelle Wien an. 1959 wurde er in Stuttgart von Überlebenden der Massaker erkannt und in der Folge verhaftet. Landau wurde 1962 von einem Stuttgarter Schwurgericht zu lebenslanger Haft verurteilt.
Aus einem Gefühl der Gemeinsamkeit heraus macht das junge Ehepaar auf dem Balkon ihrer Villa Schießübungen; manchmal auf die in der gegenüber liegenden Gärtnerei arbeitenden jüdischen Mädchen, manchmal einfach auf Passanten. Landau leitet dort eine Reitanstalt für die SS und Gestapo und lässt deren Wände mit Malereien von Schulz schmücken, von dem man sagt, er sei ein großer Künstler. Es folgen Aufträge für andere mit dem gesellschaftlichen Leben der Besatzer verbundene Räumlichkeiten. Er soll auch das Kinderzimmer seiner Villa mit deutschen Märchenbildern bemalen. Bruno Schulz ist sozusagen sein leibeigener Jude und untersteht seinem "Schutz". Doch nicht nur Landau hält sich einen Leibjuden. Sie hielten sich damals ihre Leibjuden als Nützlinge, so wie man sich Hunde oder Tiere hält. Nein, schlimmer: Denn den Juden stand die Tötung bevor, das war längst entschieden. Ungewiss nur noch Zeitpunkt und Todesart. Der SS-Mann Karl Günther hält sich so einen jüdischen Zahnarzt, der eines Tages bei den perversen "Schießübungen" Landaus ums Leben kommt. Günther sinnt auf Rache. Am 19. November 1942, ist der Tag, an dem im Zuge des "Blutigen Donnerstag von Drohobytsch", einer wilden und spontanen Strafaktion, etwa 230 Drohobyczer Juden ums Leben kamen. Der SS-Scharführer Karl Günther streckte den Künstler Bruno Schulz mit zwei Kopfschüssen nieder. Günther rühmte sich damit, den Schützling seines Konkurrenten Landau erledigt zu haben: "Du hast meinen Juden getötet – und ich deinen!"
Kulturkrimi. Man hatte sich längst damit abgefunden, dass ein großer Teil der Werke von Bruno Schulz unwiederbringlich verloren war, Briefe, Novellen (darunter auch ein Text in deutscher Sprache), ein Romanmanuskript, zahlreiche Zeichnungen und Grafiken und offenbar auch alle Fresken aus der Zeit der deutschen Besetzung. Dann am 9. Februar 2001 eine Sensation, die durch die internationalen Medien ging: Der Filmemacher Benjamin Geissler hat die Wandmalereien im ehemaligen Kinderzimmer der Landau-Villa gefunden. Und in der Tat, in einer Abstellkammer, die damals offenbar als Kinderzimmer gedient hatte, fanden sich unter verschiedenen Schichten Putz die Märchenmotive, von denen einige Zeitzeugen gesprochen hatten: Königin, Flötenspieler und Narr, Kutsche, Pferdekopf. Weitere Motive blieben zunächst noch verborgen. Während sich noch einige polnische und westukrainische Gruppen Gedanken machten über eine vernünftige Restaurierungsstrategie und das Projekt einer Gedächtnis- und Begegnungsstätte in der vormaligen Landau-Villa, schafften andere unverhoffte Gäste Fakten, die alle diese Fakten. Am 21. Mai 2001 waren drei der bis dahin freigelegten vier Fresken aus dem Mauerwerk für die Gedenkstätte Yad Vashem herausgelöst und kurz danach ohne jede Schwierigkeit über die Grenze nach Israel transportiert worden. Im Anschluss an diese Aktion gab Yad Vashem eine recht seltsame Erklärung ab: Man habe mit Hilfe des Bürgermeisters und des Kulturamtsleiters von Drohobycz herausgefunden, dass die Fresken von Bruno Schulz in privatem Besitz seien, und dann habe man die Werke nach 55 Jahren Nichtbeachtung vor dem Verfall gerettet. Und um das Maß voll zu machen, setzte die damalige Stadtverwaltung im März 2002 das Zerstörungswerk fort. Man ließ fünf weitere Bildmotive freilegen und aus der Wand herausschlagen und deponierte die Mauerfragmente in der örtlichen Gemäldegalerie. Die Komposition des ganzen Ensembles ist zerstört, es wird schwer sein, alles wieder zu rekonstruieren. Das von den Verantwortlichen von Yad Vashem angezettelte Verhalten hat zu einer regen - auch innerjüdischen - Debatte und Kritik geführt.
- Links:
Bruno Schulz - Werke - auch Bilder der Fresken
www.brunoschulz.org/index.html
Österreichische Holocausttäter - Tagebuchauszug von Felix Landau
www.gedenkdienst.org/landau-tagebuch.pdf
Über das Leben von Bruno Schulz
Bruno Schulz als Paradigma eines transkulturellen Gedächtnisses in Europa




