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26.02.2010

[26. Februar 1934] Abschied in Rapallo

Die Eltern von Felix Nussbaum wollen am 26. Februar 1934 in die Schweiz emigrieren und treffen sich mit ihrem Sohn in Rapallo. Sein Schaffen folgt dem Wunsch: "Auch wenn ich untergehe, lasst meine Bilder nicht sterben, zeigt sie den Menschen!" 54 Jahre dauerte es noch, bis er dem 1944 ermordeten Maler erfüllt wird.

Rapallo. Es ist fraglich, ob Felix Nussbaum am jenem 26. Februar 1934 sich in Rapallo der historischen Bedeutung des malerischen Badeortes 33 km südöstlich von Genua bewusst war und in welchem Maße dieser Ort auch mit seiner Situation wirklich zu tun hatte.

In Rapallo wurde zwischen Deutschland und der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik der "Vertrag von Rapallo" geschlossen. Anlässlich einer 1922 in Genua stattfindenden internationalen Wirtschaftskonferenz kam es in Rapallo zu Sonderverhandlungen der deutschen Regierung mit der sowjetrussischen Delegation. Die Verhandlungen führten am 16. April 1922 zu dem für die Westmächte überraschenden Vertragsabschluß. Das von Reichskanzler Joseph Wirth und Außenminister Walther Rathenau unterzeichnete Abkommen vereinbarte, dass Deutschland seine 1918 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zu Sowjetrussland wieder aufnimmt. Beide Seiten verzichteten gegenseitig auf Ersatz der Kriegskosten und der Kriegsschäden. Damit wurde Artikel 116 des Versailler Vertrags hinfällig, der Russland Aussicht auf deutsche Reparationen eröffnet hatte. Im Gegenzug verzichtete Deutschland auf alle Ansprüche für das durch russische Verstaatlichungsmaßnahmen betroffene deutsche Eigentum.

Die Umstände des Vertragsabschlusses in Rapallo waren spektakulärer als sein Inhalt. Ohne vorhergehende Information der französischen oder britischen Delegation wurde der Vertrag in einer Nacht- und Nebelaktion unterzeichnet. Er kam für Frankreich und Großbritannien völlig überraschend und schlug in diesen Ländern wie eine Bombe ein. Die deutschen Befürworter des Vertrags, u.a. der Staatssekretär im Auswärtigen Amt Ago von Maltzan (Adolf Georg Otto von Maltzan, 1911 Legationssekretär in Petersburg, "Roter Baron") und Reichskanzler Josef Wirth (Linker Flügel des Zentrums), hatten den zögernden Außenminister Walther Rathenau und den skeptischen sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert erst im letzten Moment von der Notwendigkeit eines schnellen Separatvertrages mit Sowjetrussland überzeugen können. Gegen den Abschluss setzten sich auch die Finanz- und Reparationsexperten der deutschen Delegation in Genua ein, die damit rechneten, dass der Vertrag eine Einigung mit den Siegermächten in der Reparationsfrage noch schwieriger machen würde. Was denn auch tatsächlich, einschließlich der Besetzung der französischen Pfänder, so geschah.

Die deutsche Öffentlichkeit und Politik reagierte auf den Vertragsabschluss überaus positiv. Er war die erste außenpolitische Aktion nach dem Krieg, die einhellig Beifall in der Öffentlichkeit und im Parlament fand. Am größten war die Skepsis noch in der SPD. Der Reichstag billigte den Vertrag denn auch mit überwältigender Mehrheit. Tatsächlich befürwortete vor allem die Führung der Reichswehr unter General Hans von Seeckt eine gemeinsame militärische Aktion mit Sowjetrussland, um Polen zu liquidieren und die deutsche Ostgrenze von 1914 wiederherzustellen und sagte auch ganz offen, dass die sozialdemokratischen Losungen "Nie wieder Krieg!" wörtlich "töricht" seien.

Zusammenarbeit Reichswehr - Rote Armee. Von Rapallo zum Hitler-Stalin-Pakt führt eine gerade Linie. Bereits im Sommer 1921 traten Offiziere der Reichswehr - die in Deutschland selber die "Roten" immer wieder niederkriegten - und der Roten Armee (unter Volkskommissar Leo Trotzki!) unter strengster Geheimhaltung miteinander in Kontakt. Die geheime Zusammenarbeit zwischen beiden Armeen währte bis 1933. Das Kalkül sah so aus: Die Deutschen halfen der Roten Armee durch die Lieferung von Know-How wieder auf die Beine und setzten sie damit in die Lage, Polen in Schach zu halten bzw. gemeinsam mit der Reichswehr niederzuwerfen, wenn der Tag gekommen sein würde. Zugleich schufen sich die deutschen Militärs auf russischem Boden eine auswärtige Rüstungsbasis und Übungsplätze (ein Geheimlaboratorium), die für einen späteren Krieg von großer Bedeutung sein konnten. Sie umgingen so die im Versailler Vertrag festgelegten Rüstungsbeschränkungen. Zwischen 1922 und 1926 entstanden in der Sowjetunion gemeinsame Fabriken und Erprobungsplätze für chemische Kampfstoffe im Wolgagebiet, für Fliegertruppen in Lipeck und eine Panzerschule bei Kasan. Hunderttausende von Granaten für die Reichswehr wurden u. a. in Leningrad produziert und heimlich über die Ostsee nach Deutschland gebracht.

Dieses gemeinsame Aufrüstungsprogramm sahen beide Regierungen durch eine im Frühjahr 1922 nach Genua einberufene gesamteuropäische Konferenz gefährdet, auf der Grundlagen für eine wirtschaftliche Erholung Europas und eine stabile Friedensordnung geschaffen werden sollten. Den Schlüssel sahen die Westmächte im Wiederaufbau und in der Einbeziehung Russlands. Die Moskauer Regierung befürchtete jedoch unter das Kuratel eines kapitalistischen Konsortiums gestellt zu werden. Deutsche Ostpolitiker fürchteten ihrerseits um die Möglichkeit einer weitergehenden Revisionspolitik gebracht zu werden. Aus diesen Gründen schlossen die beiden Regierungen im benachbarten Rapallo ein Separatabkommen und ließen die gesamteuropäische Konferenz in Genua platzen.

Seine eigentliche Bedeutung erhielt der Vertrag erst durch die ihm folgenden militärischen Geheimabsprachen. Als weitere Folge begann Deutschland seine früher beherrschende Position auf dem russischen Markt zurück zu gewinnen. Während der Bedarf an deutschen Investitionsgütern in der ruinierten russischen Wirtschaft unbegrenzt war, verhalfen billige Agrarprodukte und Rohstoffe aus Russland der deutschen Wirtschaft zum neuen Aufschwung. 1931 erreichte Deutschland einen Anteil von 46 Prozent des gesamten sowjetischen Imports, während die USA und Großbritannien nur auf jeweils 5 Prozent kamen.

Krisen.
Doch im Zuge der Weltwirtschaftkrise zeigte die deutsch-sowjetische Zweckgemeinschaft erste Risse. Deutschland konzentrierte sich aufgrund seiner Devisenknappheit auf das Vorantreiben des alten Projektes einer "mitteleuropäischen Großraumwirtschaft", indem es vornehmlich den Kleinstaaten in Ost- und Südosteuropa, die sich mit einer noch größeren Wirtschaftskrise konfrontiert sahen, bargeldlose Warenaustauschverträge aufdrängte. Demgegenüber schloss die Sowjetunion 1931 Nichtangriffspakte mit Frankreich und Polen, womit sie die deutsche Seite verärgerte. Nachdem schließlich Deutschland 1933 den Völkerbund verließ, gab die Sowjetunion ihren Beitritt in dieses Gremium bekannt.

Hitler-Stalin-Pakt. Der Paukenschlag des Hitler-Stalin-Paktes nahm die alte antipolnische Gemeinsamkeit der zwanziger Jahre wieder auf. Am 24. August 1939 unterzeichneten die beiden Außenminister Ribbentrop und Molotov den Pakt in Moskau. Er bestand aus zwei Schriftstücken. Das erste, der eigentliche Nichtangriffspakt, enthielt die Abmachung, dass beide Vertragsparteien, falls eine von ihnen in einen Krieg verwickelt werde, sich verpflichteten, dem Gegner keine Hilfe zu leisten und sich auch nicht an einer Kräftegruppierung zu beteiligen, die sich mittelbar oder unmittelbar gegen den Vertragspartner richte. Das zweite Schriftstück war ein geheimes Zusatzprotokoll, worin Deutschland und die Sowjetunion ihre Interessen und Einflusssphären aufteilten: Finnland, Estland und Lettland sollten zur sowjetischen, Litauen zur deutschen Sphäre gehören; die Teilung Polens sollte entlang der Flüsse Narew, Weichsel und San erfolgen; die rumänische Provinz Bessarabien wurde als zum sowjetischen Interessengebiet gehörend bezeichnet.

Schon der erste Lichtblick eines Sieges in Westeuropa mobilisierte den deutschen Generalstab, die Planung eines Überfalls auf die UdSSR in Angriff zu nehmen. Das Unternehmen erhielt den Decknamen "Barbarossa". Die NS-Regierung sah sich propagandistisch somit als Erbe der mittelalterlichen "Ostlandreiter". Sie nahm den 1918 gestoppten Eroberungskrieg gegen Russland wieder auf und steigerte ihn zum rassenideologischen Vernichtungskrieg. Die Planung der deutschen Besatzer sah den Hungertod von "mehreren zehn Millionen Menschen vor, die als "überflüssige Esser" definiert wurden. An ihrer Stelle sollte schon in Kürze die Ernährung der gesamten deutschen Wehrmacht aus der Sowjetunion gewährleistet werden. Allein zwischen November 1941 und Januar 1942 verhungerten 400.000 der zu diesem Zeitpunkt gemeldeten sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschen Lagern. Erst nach dem Scheitern der deutschen Blitzkriegsstrategie im Winter 1941/42 und der daraus folgenden Planung zur Ausnutzung sowjetischer Arbeitskräfte für die deutsche Kriegsindustrie wurde eine minimale Versorgung der Bevölkerung angeordnet. Aus den besetzten Gebieten wurden mehr als drei Millionen Zivilisten und hunderttausende sowjetische Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert.

Felix Nussbaum. Wie kein anderer Maler der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts hat Felix Nussbaum alle Erfahrungen der Jahrzehnte nach dem Ersten Weltkrieg in seinen Bildern festgehalten und sich als Teil dieser Situation reflektiert. Von der Geborgenheit einer bürgerlichen jüdischen Kaufmannsfamilie in Osnabrück über den schnellen künstlerischen Erfolg in der Metropole Berlin wurde Nussbaums Leben mehr und mehr von der rassistischen Ideologie des nationalsozialistischen Deutschland bedroht. Nach Jahren der Verfolgung, der Internierung und des Exils - Ostende, St. Cyprien, Brüssel - wurde Felix Nussbaum 1944 in Auschwitz ermordet.

Felix Nussbaum war kein politischer Maler. Er gehörte auch keinen politischen Gruppierungen oder Strömungen an. Ursprünglich sind seine Bilder geprägt von der beschaulichen Geborgenheit der Provinz und vom schnellen Erfolg in der Kunstmetropole Berlin. Aber kein Betroffener hat den Holocaust der Juden in Europa so künstlerisch dokumentiert wie Felix Nussbaum, beginnend mit der Bedrohung und Orientierungslosigkeit in der Emigration, von Kriegsdrohung und vom Bombenkrieg, von der Angst vor Internierung und im Internierungslager, der Isolation im Untergrund und im Versteck und vom Leid und der Vernichtung der Juden in Europa durch das NS-Regime. Er hat mit seinen Bildern über die Ereignisse buchgeführt und wurde gleichzeitig ihr Opfer. Für Nussbaum wurde in seiner aussichtslosen Situation Malerei zur Widerstandshandlung, da sie ihm seine menschliche Würde erhielt und ihm lange Zeit die Kraft zum Überleben gab. Er thematisierte ab 1934 in seinen Werken fast ausschließlich das Exil und den damit verbundenen Heimatverlust.

Felix-Nussbaum-Haus. 54 Jahre dauerte es, bis der Wunsch - "Auch wenn ich untergehe, lasst meine Bilder nicht sterben, zeigt sie den Menschen" - des 1944 ermordeten Malers erfüllt werden konnte. 1998 wurde in Osnabrück das Felix-Nussbaum-Haus eröffnet, in welchem ein Großteil seiner Werke, bestehend aus über 180 Bildern, aufbewahrt wird. Die Pläne zu diesem ungewöhnlichen Gebäude, dem Museum ohne Ausgang, entwarf der Architekt Daniel Libeskind. Die Sammlung ist nun im Felix-Nussbaum-Haus untergebracht. Der zu den renommiertesten Architekten der Welt zählende US-Bürger aniel Libeskind hatte sich im Gestaltungswettbewerb unter 300 Mitbewerbern durchgesetzt.