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23.02.2010

[23. Februar 1942] Staatsbegräbnis für einen Migranten

Es war der 23. Februar 1942: Die politischen Verhältnisse in Europa, die Kriegserfolge Hitlerdeutschlands und die Bitterkeit des Exils stürzten Stefan Zweig in eine tiefe Depression. Zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte scheidet er freiwillig aus dem Leben. Brasilien ordnete für den Migranten ein Staatsbegräbnis an.

Salzburg. Die Schilderungen von Stefan Zweigs Exiljahren beginnen mit dem Jahre 1934 und es liegt nahe sie mit der Machtübernahme Hitlers in Zusammenhang zu bringen. Und so steht es auch auf vielen Websiten des Internets, angefangen vom angesehenen Deutschen Historischen Museum bis zur Wikipedia, deren ehrenamtlichen Mitarbeitern das eher nachgesehen werden darf. Doch das stimmt so nicht!

Hausdurchsuchung in der Villa Europa.
Stefan Zweig exilierte 1934 von Salzburg nach London - noch nicht der Nazis wegen, die kamen "offiziell"  ja erst 1938 in österreich an -, sondern weil im Zuge der Februarkämpfe 1934 das klerikale austrofaschistische Regime in seinem Salzburger Haus bei dem international unzweifelhaft ausgewiesenen Pazifisten "nach Waffen" suchte. Jenes Haus, das der Nobelpreisträger Romain Rolland "Villa Europa" genannt hatte, in dem Hofmannsthal, Wassermann, Werfel, Wells, Joyce, Emil Ludwig, Joseph Roth, Thomas Mann und ebenso namhafte Musiker Zweigs Gäste waren. Eine wissenschaftliche Untersuchung über die Salzburger Festspiele in der Zeit von 1933 bis 1945 hält auch namentlich fest: "Die Kartenbestellungen waren vor allem aufgrund des Februaraufstands noch zurückhaltend. Als der Schriftsteller Stefan Zweig, bei dem sich in der Festspielzeit viele bedeutende Künstler versammelten, nach einer Hausdurchsuchung im Februar auswanderte, verlor Salzburg einen weiteren attraktiven Anziehungspunkt."

Wobei Stefan Zweig nicht einmal ein sehr politisch engagierter Schriftsteller - wie man sich ihn heute vielleicht vorstellen wollte - war. Nicht einmal im Exil tat er das. Ja er hielt sich sogar von parteilichen und politischen Veranstaltungen eher fern und wurde gerade deswegen im Exil wegen seiner Distanz zu allen politischen Gruppen als Vermittler geschätzt. Er erkannte jedoch schon damals, dass die Ausschaltung der Sozialdemokratie im Februar 1934 als "Selbstmord der österreichischen Unabhängigkeit" zu qualifizieren ist. Und wirklich war die austrofaschistische Diktatur, ihre Niederknüppelung der Arbeiterbewegung mehr ein Wegbereiter denn eine Schutzwehr gegen den Nationalsozialismus, wenn auch ihre politischen und klerikalen Apologeten bis in die heutigen Tage dies noch gerne so darstellen wollen. Er floh als einer der ersten Intellektuellen aus Österreich und nicht aus Deutschland! Mit dem "Anschluss" Österreichs an das deutsche Reich war er allerdings in London staatenlos geworden.

Schicksalsbahnhof Feldkirch.
Der Exilant hatte seine Erfahrungen mit dem Exil auch auf andere Weise. Ulrich Nachbaur vom Landesarchiv Vorarlberg verdanken wir in seinem Beitrag zur Geschcihte des Bahnhofs Feldkirch folgende  Anmerkung zu Stefan Zweig:

Auch er hatte 1919 am Feldkircher Bahnhof eine odysseische Begegnung, als er aus der glücklichen Schweiz ins trostlose Österreich heimkehrte. Am 24. März wurde er Zeuge, wie der letzte Kaiser Karl I. (1916-1918) Österreich verlassen musste. Bedrückend schildert Zweig diese Begegnung in seiner Autobiographie ,,Die Welt von Gestern" (1948): Den heimwehkranken Dichter zog es in die Heimat, während der entmachtete Herrscher diese verließ. [...] Es war ein historischer Augenblick, den ich erlebte - und doppelt erschütternd für einen, der in der Tradition des Kaiserreiches aufgewachsen war, der als erstes Lied in der Schule das Kaiserlied gesungen, der später im militärischen Dienst diesem Manne, der da in Zivilkleidung ernst und sinnend blickte, `Gehorsam zu Land, zu Wasser und in der Luft' geschworen. [...]"

London.
Er war wohl noch voller Hoffnung auf Besserung der österreichischen Zustände, denn erst nach dem vollzogenen "Anschluss" Österreichs an das Dritte Reich beantragt er auch die britische Staatsbürgerschaft. In London half er bedrohten Juden und Künstlern in Deutschland und besorgte ihnen Arbeit und Aufenthaltsgenehmigungen. Da Zweigs Bücher in zahlreichen Sprachen erschienen, war er ökonomisch weit weniger vom deutschen Büchermarkt abhängig als andere deutsche Exilanten. Das Werk "Marie Antoinette" war schon Ende des Jahres 1932 in vierzehn Sprachen übersetzt und war gerade erst im Februar 1933 in den USA zum Buch des Monats gekürt worden.

Zweigs unpolitische aber pazifistische Haltung brachten ihn zu der Überzeugung, dass dem Faschismus nur mit literarischer Leistung und nicht mit tagespolitischer Auseinandersetzung beizukommen sei. Gleichwohl waren die Bücherverbrennung und die damit verbundenen Verbotslisten ein harter Schlag. Bereits am 10. Mai 1933 werden seine Bücher in Deutschland verbrannt (umso schäbiger die Hausdurchsuchung des österreichischen Regimes) und dürfen dort nicht mehr erscheinen. Sein jahrelanger Verleger Kippenberg musste wohl - nicht nur wegen des Erhalts des Verlags - vor den Nazis kapitulieren und konnten somit Zweigs Bücher nicht mehr im Insel Verlag erscheinen. Richard Strauss - mit den Nationalsozialisten Präsident der Reichsmusikkammer geworden - setzt sich zwar für Zweig ein und tritt auch deswegen von seinem Amt zurück! Er veröffentlicht noch 1935 die Komische Oper "Die schweigsame Frau" mit einem Libretto von Stefan Zweig. So hoch ist sein Respekt vor Zweig und seinem Können.

Sigmund Freud ... Salvador Dali.
Welche freundschaftlichen Kontakte Stefan Zweig in London noch pflegte, zeigt ein fröhlicher, ja witziger Brief vom 18. Juli 1938 an den ebenfalls im Londoner Exil weilenden Sigmund Freud: "Lieber, verehrter Herr Professor! Sie wissen, dass ich es immer ängstlich vermieden habe, Leute zu Ihnen zu bringen, aber morgen ist das wahrhaftig eine Ausnahme. Für mich ist Salvador Dali das einzige Malergenie der Epoche und der einzige, der sie überdauern wird. Ein Fanatiker seiner Überzeugung und der getreueste, dankbarste Schüler, den Sie unter den Künstlern haben. So kommen wir morgen, er und seine Frau, wobei er die Gelegenheit nützen möchte, während wir sprechen, vielleicht eine Skizze (von Ihnen) zu machen...."

Brasilien. In den folgenden Jahren floh Zweig, nach den Erfolgen Hitlers auf seinen barbarischen Kriegszügen, nach Südamerika. Er fand in Brasilien ein neues Zuhause. Stefan Zweig war der prominenteste österreichische Emigrant. Dem weltberühmten Schriftsteller, der 1936 nach dem PEN-Kongress in Buenos Aires kurz in Brasilien gewesen war, wurde ein permanentes Aufenthaltsvisum angeboten. Er publizierte 1941 den kulturpolitischen Essay "Brasilien ein Land der Zukunft" (Brasil, país do futuro). Das Buch, das die Auslagen vieler Buchhandlungen in Rio schmückte, wurde vom Vargas-Regime beworben, von einigen brasilianischen Intellektuellen wie Jorge Amado jedoch aufgrund seiner idealisierenden Sichtweise als Auftragswerk angesehen. Zweig hatte zwar kein Honorar vom Pressedepartement bekommen, jedoch das Angebot der Finanzierung einer Reise nach Pernambuco sowie einen Übersetzer akzeptiert. Viele Zweig-Fans interpretieren den Essay, der den harmonisierenden "Rassenmythos" des Varga-Regimes aufnahm, als eine Form des "wishful thinking", das mehr als Utopie eines besseren Europa denn als populärwissenschaftliche Darstellung brasilianischer sozialer, politischer und kultureller Gegebenheiten gewertet werden könne. Denn jenes Bild von Brasilien als Land von Samba, Karneval und Fußball, Rassendemokratie und moderner Architektur wurde unter Vargas produziert und lebt wohl auch so noch bei uns bis in die heutigen Tage fort. Stefan Zweigs Bemerkungen zur Sklaverei in "Brasil, país do futuro" übernahmen diese euphemistischen Interpretationen. Aus der Sicht eines landesfremden und nach Hoffnung suchenden Exilanten vielleicht nicht so unverständlich.

Schachnovelle. Doch Stefan Zweig war an der Unstetigkeit und an der Hoffnungslosigkeit, die das Naziregime und der Weltkrieg für die Exilanten brachte, zerbrochen. Der Suicid Stefan Zweigs in der Nacht vom 22. zum 23. Februar 1942 in seinem Haus in Petropolis war nicht nur für die in Brasilien lebenden deutschsprachigen Exilanten ein Schock. Am Tage vor seiner Selbsttötung schrieb er noch an seine Schwester Friederike: "Und dann die Gewissheit - die einzige die wir hatten - dass dieser Krieg noch Jahre dauern wird, dass es endlose Zeit brauchen wird, ehe wir, in unserer besonderen Lage, wieder in unserem Haus uns niederlassen können, war zu bedrückend." Deutlich wird Stefan Zweigs Isoliertheit, abgeschnitten von der deutschen Sprache und Kultur in seiner "Schachnovelle", in der ein von den Nazis verhafteter Gegner des Regimes mit dem Entzug jeglicher geistiger Nahrung gequält wird. Dem von der Außenwelt Abgeschnittenen, der in ein fensterloses, kahles Zimmer gesperrt ist, gelingt es, aus einem vor dem Verhörzimmer abgelegten Mantel ein Buch zu stehlen, ein Buch - die Rettung! Zu seiner Enttäuschung erweist es sich aber als Schachfibel - und trotzdem, sie vermittelt dem Unkundigen, der allmählich und nur widerwillig und aus Verzweiflung das Spiel allein durch seine Vorstellungskraft erlernt, den Eintritt in eine imaginäre Welt, mit deren Hilfe er die materielle, in die er eingesperrt ist, überwinden kann.

Declaracao. "Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich, eine letzte Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Land Brasilien innig zu danken, das mir und meiner Arbeit so gute und gastliche Rast gegeben. Mit jeden Tage habe ich dies Land mehr lieben gelernt und nirgends hätte ich mir mein Leben lieber von Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selbst vernichtet. Aber nach dem sechzigsten Jahre bedurfte es besonderer Kräfte, um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschließen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.
        Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus."

In Brasilien wird er - entgegen seinem ausdrücklichen testamentarischen Wunsch - mit einem Staatsbegräbnis geehrt. Zweigs Werke werden bis heute in Brasilien rezipiert. Die Wiener Universität dagegen erkennt ihm in schäbigster Weise 1941 den Doktortitel ab. Es klingt heute wie ein kleines, untergeordnetes Kapitel gehässiger Bürokratie des NS-Staats. Aber in Österreich dauerte die Bereinigung dieser Hässlichkeit bis ins Jahr 2004 (!) während in Deutschland bereits 1946 der Bonner Rektor Thomas Mann den 1936 aberkannten Ehrendoktortitel wieder anerkannte.