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21.02.2010

[21. Februar 1706] Ärgernis: Fremde Jungfer auf der Empore

Am 21. Februar 1706 wird Johann Sebastian Bach in Arnstadt vernommen: "..., wo er unlängst so lange geweßen, und bey wem er deßen verlaub genommen?" Hinzu kommen weitere Vorwürfe, er habe eine "frembde Jungfer" auf die Empore geführt. In Weimar wurde  Bach festgenommen und vier Wochen in Haft gehalten.

Arnstadt. 1702 ist seine Ausbildung im Michaeliskloster - schon seit 1700 eine Stiftung, eine Eliteschule für Hochbegabte und Fleißige - beendet und Bach könnte in Sangerhausen, Eisenach und Arnstadt eine Organistenstelle antreten, jedoch drückt der Herzog von Sachsen-Weißenfels gegen die Gemeinde einen Musiker aus der Hofkapelle durch, in Eisenach hat ein Verwandter, Johann Bernhard Bach (1676-1749) die älteren Rechte und in Arnstadt ist die Kirche 1581 abgebrannt und die neue Orgel muss erst noch abgenommen werden. Bach erhält die Zusage, wenn er die Orgel auch abnehmen kann. Bis zur Fertigstellung arbeitet er solange beim Herzog Johann Ernst von Weimar als "Geiger und Laquai". 1703 trat Bach die Organistenstelle an der Neuen Kirche in Arnstadt an, gegen eine Besoldung von 84 Gulden und 6 Groschen aus dem Gotteskasten, der Brauzinskasse und dem Hospital St. Georg für Auslagen an Kost und Wohnung.

Ende Oktober 1705 ersuchte Johann Sebastian Bach das Konsistorium um einen vierwöchigen Urlaub. Ihn drängte sein Entschluss, den berühmten Orgelmeister an der Lübecker Marienkirche, Diedrich Buxtehude, aufzusuchen. Dieser war bekannt für die Aufführungen der "Abendmusiken", die alljährlich an fünf Sonntagen vor Weihnachten stattfanden. Erst nach vier Monaten kehrte der junge Bach nach Arnstadt zurück und hatte sich bald wegen der eigenmächtigen Urlaubsüberschreitung vor dem Konsistorium zu verantworten. Am 21. Februar 1706 wird Johann Sebastian Bach in Arnstadt vernommen: "..., wo er unlängst so lange geweßen, und bey wem er deßen verlaub genommen?" Da er jedoch einen fähigen Vertreter, Johann Ernst Bach, für seine Abwesenheit bestellt hatte, übte das Konsistorium Nachsicht, nahm aber die Gelegenheit zum Anlass ihm vorzuhalten: "dass er bisher in den Choral viele wunderliche variationes gemachet, viele frembde Thone eingemischet, dass die Gemeinde darüber confundiret (vgl. "konfus", verwirrt) worden" auch habe er erst "gar zu lang gespiehlet, nachdem ihm aber vom Herrn Superint deswegen anzeige beschehen, währe er gleich auf das andere extremum gefallen, vnd hätte es zu kurz gemacht".

Frembde Jungfer. Doch nicht genug. Es wird ihm auch vorgehalten, eine "frembde Jungfer" auf die Empore geführt zu haben. Bei ihr handelt es sich offenbar um seine Cousine Maria Barbara, die er auch am 17. Oktober 1707 ehelicht. Barbara wird auch seinen nächsten Job einfädeln. Die Arnstädter waren offenbar mit dem überaus gut bezahlten Bach nicht zufrieden und umgekehrt auch. 1707 war in der freien Reichsstadt Mühlhausen die Organistenstelle an der Kirche St. Blasius frei geworden. Der Mühlhäuser Ratsherr Johann Hermann Bellstedt leitete die Neubesetzung der Stelle. Maria Barbara Bach war mütterlicherseits mit ihm verwandt, so dass man annehmen kann, dass Johann Sebastian Bach durch familiäre Kontakte das neue Amt gesichert wurde. Das Organistenamt an der Neuen Kirche in Arnstadt erhielt Johann Ernst Bach, ein Vetter Johann Sebastian Bachs. Dieser war 21 Jahre an der Neuen Kirche als Organist tätig, erhielt aber nicht einmal die Hälfte des Gehaltes seines Vorgängers.

Wenngleich die Quellenlage bei Bach unvergleichlich schlechter ist als etwa bei Mozart, so gibt es doch immer noch eine Menge von "Geschichtchen": So wurde Bach in Weimar festgenommen, vier Wochen in Haft gehalten und sodann mit allen Zeichen der Ungnade als Hoforganist entlassen. Er hatte nämlich, als er bei der Neubesetzung der Hofkapellmeisterstelle übergangen wurde, vom Herzog seine Enthebung verlangt. Dass eine nur versuchte freie Berufswahl nicht nur vier Wochen Haft bedeuten konnte und auch gute Musiker Leibeigene, ja rechtlose Sklaven in den Augen deutscher Fürsten waren, belegt folgender Fall: Ein Hornist wurde beispielsweise am selben Weimarer Hof jedes Mal, wenn er um seine Entlassung bat, zu Schlägen und Kerker verurteilt und als er heimlich flüchtete, für vogelfrei erklärt und gehenkt.

Demographische Probleme. Es lohnt sich anhand Johann Sebastian Bach nicht nur auf sein musikalisches Werk sondern auch auf die "demographischen Probleme" seiner Zeit zu werfen. Bach hatte in seinen zwei Ehen zusammen zwanzig Kinder, von denen aber nur fünf Söhne und vier Töchter ihn überlebten, als er am 28. Juli 1750 im Alter von immerhin doch 65 Jahren stirbt. Bachs Mutter stirbt mit fünfzig Jahren als er gerade mal neun Jahre alt ist, sein Vater im folgenden Jahr, ebenfalls im Alter von 50 Jahren. Die drei Brüder Johann Rudolf, Johann Balthasar (1673-1691) , Johann Jonas (1675-1685) und die Schwester Johanna Juditha (1680-1686) sterben schon als Kinder oder Jugendliche. Der älteste Bruder, Johann Christoph, wird 1671 geboren und knapp fünfzig Jahre alt (+ 1721), ein weiterer Sohn, Johann Jacob (1682-1722) immerhin vierzig. Die andere Schwester, Marie Solome (1677-1727), heiratet nach Erfurt und wird ebenfalls fünfzig.