[25. Februar 1519] Ausgesetzt: Zwei Wöchnerinnen auf einem Floß
Als am 25. Februar 1519 die Juden aus Regensburg vertrieben, die jüdischen Kranken und Wöchnerinnen auf ein Floß gesetzt wurden und man an die Zerstörung der Synagoge ging, fertigte der Maler Albrecht Altdorfer noch davon detailgetreue Skizzen an. Altdorfer war als Regensburger Ratsherr aktiv beteiligt und verdiente daran.
Regensburger Pogrom. Mit den Hetz- und Hasspredigten des damals noch katholischen Dompredigers Balthasar Hubmaier ab 1516 erreichte der Antisemitismus zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Regensburg einen Höhepunkt. Der Pogrom hatte sich jahrzehntelang angekündigt. Die einst so blühende freie Reichsstadt hatte ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts einen schweren wirtschaftlichen Niedergang erlebt, und den Sündenbock dazu suchte man sich buchstäblich in der eigenen Stadtmitte. Die Juden boten sich auch deshalb an, weil sie das Pfandleihgeschäft übernommen hatten, das den Christen verboten war. Das erhaltene Pfandleihregister zeigt: Es gab genug niedere, materielle Gründe für die Christen, ihre Gläubiger loswerden zu wollen. Da musste nur noch die christliche Religion mitspielen. Und das tat sie in Regensburg unter anderem in Gestalt des Dompredigers Balthasar Hubmaier, der derart von der Kanzel gegen die Juden hetzte, dass er auf kaiserlichen Befehl ausgewiesen werden musste. Die Stadt tut, was der Kaiser verlangt, lässt dem Domprediger jedoch ausdrücklich "anzaigen, das wir es nit gern getan, sondern uf kaiserlicher Majestät bevelh". Doch der Regensburger Rat holt Hubmaier bald zurück.
Aber auch rundherum in Europa waren die Lebensbedingungen für Juden schlimm geworden: 1492 erfolgt die Vertreibung der Juden aus Spanien - die unter der maurisch-arabischen Herrschaft ebenso toleriert waren wie die Katholiken die sie nun vertrieben. Es erfolgt ihre Zerstreuung in die Mittelmeerländer sowie die Niederlande. 1495 kommt es zur Ausweisung der Krakauer Juden und der Vertreibung der Juden aus dem Großfürstentum Litauen. 1496 werden die Juden aus Württemberg und Salzburg getrieben, 1497 aus Portugal und 1499 aus Ulm und Nürnberg. 1510 erfolgt die Vertreibung der Juden aus Brandenburg und 1516 die Gründung des Ghettos in Venedig. Die Vertreibung der Juden aus der freien Reichsstadt Regensburg, ist dann die letzte dauerhafte Vertreibung einer bedeutenden Stadtgemeinde im "Heiligen Römischen Reich".
Der Krieg gegen die jüdischen Mitmenschen unter einem religiösen Mäntelchen zeigt sich mit den Ritualmordlegenden, die sich beispielsweise in Tirol bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts gehalten hatten. Für Regensburg scheint auch der Trienter Ritualmordprozesses unmittelbare Folgewirkungen gehabt zu haben. In über 2000 Exemplaren verbreitete die Legende Simons auch die 1493 in Nürnberg gedruckten lateinischen und deutschen Fassungen der Weltchronik des Humanisten und Arztes Hartmann Schedel. Die Darstellung ist mit einem illustrierenden Bild der Marter des heiligmäßigen Kindes versehen:
"Am 21. März 1475 wurde in Trient in der Karwoche das Kindlein Simon von Juden getötet, die ihr "Ostern" nach ihrem Brauch feiern wollten. Sie brauchten dafür christliches Blut. Das Kind wurde heimlich in das Haus des Juden Samuel gebracht. - Das dreijährige Kind saß allein vor dem Hause, während die Eltern nicht zu Hause waren, als es der Jude Tobias mit schmeichlerischen Worten hinwegführte. Als es Nacht geworden, wurde das Kind von den Männern Samuel, Tobias, Vitalis, Moses, Israel und Mayer in der Synagoge entblößt, ihm ein Tuch um den Hals gebunden, damit es nicht schreien konnte. Sie breiteten seine Arme aus, schnitten im zuerst sein Glied ab und ein Stück aus seiner Wange. Dann stachen sie es am ganzen Körper mit scharfen, spitzen Nadeln und Spangen, während einer von ihnen die Hände, ein anderer die Füße festhielt. Nachdem sie das Blut gesammelt hatten, begannen sie zu singen und das Kind als Bild von Christus zu verspotten. So verstarb das Kind. Um Christus zu schmähen aßen sie das mit dem Blut bereitete ungesäuerte Brot und warfen den Leichnam in ein fließendes Wasser nahe ihrem Haus. Die besorgten Eltern fanden drei Tage später das Kind im Fluss. Als die Kunde davon zu dem Arzt Johann von Salis gelangte, ließ er die Juden ergreifen und sie foltern, so dass sie sagten, wie sie die Missetat begangen hätten. Daraufhin wurden sie entsprechend ihrem Vergehen hingerichtet. Als der Bischof, Johann Hinderbach, den Leichnam bestatten ließ, begann dieser Wunder zu wirken, so dass dem Kinde eine schöne Kirche errichtet wurde."
Regensburg, 21. Februar 1519. Kurze Zeit nach dem Tod Kaiser Maximilians I. vom 12. Januar 1519, unter dessen Schutz die Juden gestanden hatten, beschloss der Rat der Stadt, dem Albrecht Altdorfer angehörte, am 21. Februar die Vertreibung der Juden. Noch am selben Tag wurde der Regensburger Judengemeinde mitgeteilt, dass sie innerhalb von zwei Stunden die Synagoge freigeben und binnen fünf Tagen die Stadt verlassen müssten. Bis 25. Februar mussten alle Juden die Stadt verlassen. Pfänder wurden beschlagnahmt; Kranke und Wöchnerinnen, auf ein Floß gesetzt, ließen bei der Vertreibung ihr Leben. "Zwei Kindsbetterinnen", schreibt der Chronist Gumpelzhaimer, "haben die schrecklichen Tage nicht überlebt. ... So ist in den stürmischen und schneereichen Spätwintertagen des Jahres 1519 die uralte Judengemeinde in Regensburg zugrunde gegangen".
Ghetto, Synagoge und Schule wurden ein Ruinenhaufen; die Menge schändete auch den Friedhof mit seinen rund 4200 Grabsteinen, nahm sie mit sich und baute sie als Jagdbeute in ihre Häuser ein. Der Regensburger Bürgermeister Caspar Aman ließ gar unter dem in sein Haus eingemauerten Grabstein eine Inschrift anbringen: "Caspar Aman, Anno Domini 1519, am Montag, am abent petri stuelfeyer sein die Juden aus der stat regenspurg geschaft und am achten tag darnach keiner mer gesehen." Eines der schönsten Exemplare ließ sich der Bischof in den Domkreuzgang einsetzen - als Symbol des Sieges über die Juden. Auf sein Grundstück ließ auch Albrecht Altdorfer einen der Grabsteine vom zerstörten jüdischen Friedhof bringen, hatten sich doch alle Ratsmitglieder dieser Steine bedient und schließlich verfügte er als Bauherr über die noch vorfindlichen Steine .
Nach Gottes gerechtem Ratschluss. In der "Regensburgischen Chronik" wird von der Zerstörung des Ghettos, aber auch von weiteren Ausschreitungen berichtet:
"Die besten Dienste an allen diesen tagen mag aber wohl das Landvolk geleistet haben, das in großer Begeisterung, nach Kirchspielen abgetheilt, viele Meilen weit herbeygekommen war, und sich zu hunderten und tausenden eingefunden, und den Bauplatz in wenigen Tagen ganz vom Schutt und Graus gereinigt hatte. Nachdem der Jungfrauen Schaar an gedachtem Tage bis zur Mittagszeit im heil. Dienste gefrohnet hatte, so erhob sie sich nach der Essenszeit in der nämlichen Ordnung zum Thore hinaus zum Judenfreudhof, der zunächst hinter dem W. S. Peterklöstergen auf der Emmeramer Breite gelegen war, und fand daselbst das Landvolk in der Zerstörung des jüdischen Friedhofs begriffen. Sogleich bemächtigte auch sie sich der Maschine des Mauerbrechers, und legte damit ein und das andere Stück der Freudhofmauer nieder. Über diese Zerstörung wurden die Juden ... ganz trostlos. Denn dieser jüdische Todtenacker war weit und breit berühmt, und prangte mit mehr als 4000 großen und herrlichen Leichensteinen". Die vertriebenen Juden klagten denn auch: "Auch die todten leich ausgraben lassen, dieselben umbschlayfen darein hauen, stechen, das wider alle gesatz und natur ist".
Die Pergament-Handschriften der Bibliothek der Talmudschule wurden konfisziert und als Einbindmaterial für Akten und Bücher (z.B. des Buchbestands des Schottenklosters) gebraucht. Unter den bisher sieben wieder entdeckten sind fünf Talmudtexte, ein Fragment einer Bußliedersammlung und ein längeres Stück Nizzachon vetus, einer Auseinandersetzung mit der christlichen Bibelauslegung, die heute im Diözesanarchiv aufbewahrt werden.
Die Frist zur Freigabe der Synagoge wurde um 24 Stunden verlängert, was dem Regensburger Künstler, Baumeister und Mitglied des Inneren Rats, Albrecht Altdorfer, die Möglichkeit gab eine Ansicht des Inneren der Synagoge anzufertigen. In den beiden Radierungen sind die Vorhalle und der Innenraum dargestellt. Altdorfer wird wegen seiner christlichen Altarwerke heute nicht mehr gerne in diesem Zusammenhang genannt und seine bei der Vertreibung und vor der Zerstörung angefertigten Innenansichten werden in die Nähe eines humanistischen Rettungsaktes für die Nachwelt gerückt. Die Innenansicht des Malers Albrecht Altdorfer ist allerdings mit einer unzweideutigen Schrifttafel versehen, die sein Einverständnis mit dem Zerstörungs- und Vertreibungswerk deutlich macht: ANNO • DNI • D • XIX • IVDAICA • RATISPONA • SYNAGOGA • IVSTO • DEI • IVDICIO • FUNDIT(V)S • EST • EVERSA (Im Jahre 1519 ist die jüdische Synagoge nach Gottes gerechtem Ratschluss von Grund auf zerstört worden). Der Geschichtsschreiber Christian Gottlieb Gumpelzhaimer, berichtet, was 1519 geschah:
"Nun seye die Zeit, sie sich vom Halse zu schaffen ... Sogleich wurden aus den beyden Räthen und dem Gemeindeausschuß Abgeordnete in die Judengasse gesandt und öffentlich den Juden verkündiget man könne ihrem Leib und Gut nicht länger vor dem gemeinen Manne Sicherung gewähren; sie sollten ohne Verweilen zwischen heute und nächsten Freitag ausziehen und mit Ausnahmen der Pfänder, die ihnen versetzt wären, all ihr Hab und Gut mit sich nehmen ... Bewaffnete Bürger hatten die Rathsabgeordneten in die Judengasse begleitet. Schultheiß Schmaler, die Rathsherren Ammon und Hirsdorfer, mehrere vom äußeren Rath und dabey auch der Rathsherr und Kunstmaler Altdorfer waren bey der Deputation."
Wallfahrtsrummel. Die noch im selben Jahr einsetzende Wallfahrt zur "Schönen Maria", von dem Dom- und Hassprediger Balthasar Hubmaier einschließlich eines Wunders erfunden, geriet zu einer derartigen Blüte, dass man bereits ein Jahr später an den Bau einer monumentalen Wallfahrtskirche aus Stein ging. Balthasar Hubmaier, der mit seinen Predigten den Hass gegen die Juden geschürt hatte, schreibt in seinen Aufzeichnungen:
"Item uff den 18. Tag des Mertzens hat man an derselben Statt (anstelle der Synagoge) zu ere der schonen Marie ein helzin Capell aufgericht. Darein ein Marwellsteinen Altar gesetzt mit einer Tafel der schonen Marie nach der pildnus als sy Lucas der Evangelist gemalt hat."
Mit der vorläufigen Errichtung dieser Holzkapelle, die in kürzester Zeit zum Zielpunkt einer der größten Wallfahrten des Spätmittelalters wurde, war für immer ausgeschlossen, dass an dem nunmehr geweihten Ort jemals wieder ein jüdisches Gotteshaus erbaut werden würde. Das genannte Tafelbild der "Schönen Maria" stammte ebenfalls von Albrecht Altdorfer.
Selbst Martin Luther war dieser organisierte Wallfahrtsrummel, den er aus dem Holzschnitt Ostendorfers kannte zuviel und wetterte dagegen. Der Holzschnitt des Michael Ostendorfer von 1520 vermittelt ein eindrucksvolles Bild von dieser Wallfahrt. Im Hintergrund erkennt man die Ruinen von Häusern. Dem Abriss der Synagoge war nämlich der Abbruch der Umfassungsmauern und fast aller Häuser des Ghettos gefolgt. An dieser Verehrung und erfundenen Wunder entzündet sich nicht nur die Kritik der Reformatoren, sondern auch von anderen. Abertausende pilgerten nun zur "Schönen Maria von Regensburg", die Stadt war dem Ansturm kaum mehr gewachsen. Angebliche Krankenheilungen und andere "Wunder" verursachten eine Massenhysterie, die dann aber viele Bürger der Stadt doch eher abstieß. Nach wenigen Jahren war der Spuk vorbei. Die Reformatoren prangerten die Missstände an und hatten damit Erfolg: Die Regensburger neigten bald vollzählig dem Protestantismus zu, in privaten Räumen und Kapellen feierten sie das Abendmahl mit Brot und Wein. Hubmaier war zudem vor der Pest geflüchtet und hatte die von den Juden befreiten Christen plötzlich allein in Regensburg gelassen.
Auch die Kassen der Stadt wurden durch den Wallfahrtsrummel nicht gefüllt. Als die Reichsstadt Regensburg - Juden konnte sie keine mehr zu besteuern - die erheblichen Einnahmen aus der Wallfahrt besteuern und auch die Steuerfreiheit des Klerus überhaupt aufheben wollte, konnte Johann bei Rhein als Bistumsverwalter mit Unterstützung seiner pfälzisch- und bayerisch- wittelsbachischen Verwandten einen Vertrag aushandeln, in dem eine jährliche Abgabe von 200 Gulden anstelle regelmäßiger Steuererhebungen vereinbart wurde. Er selbst hatte dem Hochstift bereits 30.000 Gulden Schulden aufgehalst.
Antisemitismus. Die Regensburger Juden, bereits 981 urkundlich genannt, gehörten im Mittelalter zu den größten und bedeutendsten Gemeinden in Deutschland. Im frühen 11. Jahrhundert taucht schon der Begriff "habitacula judeorum", Wohnstadt der Juden, in den Schriftquellen auf, doch die Lage ihres Viertels innerhalb der Mauer des römischen Legionslagers lässt eine Ansiedlung im achten Jahrhundert vermuten, war doch diese Lagermauer mindestens bis 920 die Befestigung und Sicherung von Regensburg. Über viele Jahrhunderte war das Leben der Regensburger mit ihrer jüdischen Gemeinde von Toleranz und Zusammenarbeit geprägt. König und Herzog übten über sie Schutzfunktionen aus. 1197 wird durch Kaiser Rudolf die "Kammerknechtschaft" eingeführt. Die Juden mussten dem Kaiser eine besondere Steuer entrichten, dieser Rechtsstatus brachte ihnen dafür den besonderen, vor allem teuren, oft auch unwirksamen Schutz des Kaisers.
Judentracht. Diesen Schutz übernahm seit dem 13. Jahrhundert die Reichsstadt Regensburg selbst. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Regensburger Juden konnten sich parallel zu denen der Stadt entwickeln. Das Hochmittelalter sah eine prosperierende Judengemeinde die auch Grundbesitz hatte. Der Rat der Stadt ließ es sich angelegen sein, seine Judenschaft vor allen Übergriffen zu schützen. Auf dem IV. Lateran Konzil werden im Jahre 1215 edie Juden und Muslime zum Tragen einer sie von den Christen unterscheidenden Tracht (Judenhut, Gelber Fleck) gezwungen. Begründet wird dies damit, dass sich Christen und Juden ansonsten irrtümlich beschlafen(!). Die Lage der Juden verschlechterte sich durch die Gesetzgebung nach dem Laterankonzil gründlich. Die Judentracht wurde festgelegt, den Juden wurde der Besuch christlicher Gasthäuser und Bäder, die Haltung christlicher Dienerschaft, die Einrichtung neuer und Vergrößerung alter Synagogen verboten. Die Nazis konnten im 20. Jahrhundert auf eine Reihe "bewährter" Techniken in ihrem Rassenwahn zurückgreifen. Die Juden sollten und wurden dann auch von der übrigen Bevölkerung abgesondert, das Getto entstand, und ein besonderer Judenneid kam auf. Sie durften nicht mehr uneingeschränkt Handel treiben und auch keinen Grundbesitz erwerben. Die Juden wurden ins Geldgeschäft gedrängt, die Klage über die jüdische Wucherei erhob sich, wiewohl ein großer Teil des Zinses aus Steuern bestand und ein einheitlicher Zinssatz erst recht nicht.
Aufhebung des christlichen Zinsverbotes. Es läßt sich im Laufe des Spätmittelalters ein soziales Absinken des Kundenkreises des jüdischen Geldgeschäftes feststellen. Ursache dafür dürfte sein, daß das jüdische Geschäftskapital mehr und mehr dezimiert worden ist durch die hohen Abgaben, die großen Pogromwellen im 14. Jahrhundert und durch sogenannte Schuldentilgungen, bei denen den Kreditnehmern die Schuld und der Zins auf Befehl des Königs erlassen worden ist. Das große Geschäft machten dann z.B. im 15. Jahrhundert, als das Zinsverbot endgültig aufgehoben wurde, christliche Kreditgeber. Denken wir dabei an das Haus der Fugger in Augsburg. Somit blieb den Juden nur noch das kleine Geschäft mit den sozial niedrigeren Bevölkerungschichten übrig. Dies zeigt eine Untersuchung über die verliehenen Kredite in Konstanz zwischen 1423 und 1429, wovon über 80 Prozent eine Höhe von zwischen 1/2 und 49 Gulden hatte. Dies sind relativ niedrige Beträge.
Synagoge. Allerdings musste Regensburg im 14. Jahrhundert keine jener zahlreichen damit verbundenen Judenverfolgungen erleben, wie sie in den umliegenden Gebieten zu dieser Zeit gang und gäbe waren. Den brutalen Pogromen fielen zu Pestzeiten andernorts mehr Juden zum Opfer als an der Seuche starben. Die Juden erfuhren in Regensburg aber nicht nur Schutz, sie waren darüber hinaus auch hochgeachtet. Das Anfang des 13. Jahrhunderts in frühgotischen Formen errichtete Gotteshaus zählte zu den größten in Deutschland und bot Platz für ca. 300 Personen. Die durch Waren- und Geldhandel zu Vermögen gelangten Juden revanchierten sich dafür mit erheblichen Steuerleistungen. Erst die maßlosen finanziellen Forderungen der Kaiser des Spätmittelalters, der fatale Verzicht der Handelsstadt Regensburg auf eine eigene Warenproduktion und der übertriebene Heiligenkult der Kirche beschworen die Katastrophe von 1519 herauf - die Vertreibung der Juden und die Zerstörung ihres Ghettos.
Beispiellos. Aber es gab einen weiteren beispiellosen Höhepunkt des Antisemitismus in Regensburg: Am 10. November 1938, am Tag nach der Reichspogromnacht, wurden jüdische Bürger im "Schandmarsch" aus Regensburg getrieben. Die Fakten: Regensburger Nazis hatten in der Nacht zuvor die Synagoge am Brixener Hof niedergebrannt. Es gab keine Proteststimme. Bürgermeister Otto Schottenheim jubelte vor der brennenden Synagoge, dass heute Nacht der letzte Schandfleck aus Regensburg beseitigt sei. Jüdische Männer und Frauen, über 250 Personen, waren die ganze Nacht über verhaftet worden. Einige wurden verprügelt, ihre Wohnungen und Geschäfte wurden demoliert und ausgeplündert. Gegen 11 Uhr wurde am Arnulfsplatz ein Zug aufgestellt und die in der Nacht verhafteten Juden wurden von dort durch Regensburg getrieben, die Ludwigstraße herunter, am alten Rathaus vorbei, weiter durch die Maximilianstraße bis hier zum Bahnhof. Etwa 3 km sind das und am Gehsteig links und rechts standen Regensburger Bürgerinnen und Bürger. Sie schauen zu, beschimpfen und verspotten, benutzen eine herumliegende Fuhre Kies, um Juden zu steinigen. Für eine Aktion dieses Ausmaßes gibt es keine Parallele in Deutschland. Am Bahnhof sind dann fünfzig jüdische Männer in einen Bus zu einem "Ausflug nach Dachau" gesetzt worden. Der Empfang im dortigen KZ durch die SS braucht nicht beschrieben werden. Ein zweites Fahrzeug mit Regensburger Juden, ein offener LKW wurde auf der Fahrt in Landshut gestoppt und mit der Begründung zurückgeschickt "Dachau sei bereits überfüllt". Die Regensburger waren 6 Wochen bis 3 Monate im KZ Dachau, bevor sie als mehr oder minder gebrochene Menschen wieder heim durften.
Fundstelle. Als im August 1995 auf dem Neupfarrplatz begonnen wurde eine Baugrube für eine Traffostation auszuheben, stieß die Baggerschaufel knapp unter dem Pflasterbelag auf Mauerwerk. Wider Erwarten waren hier, innerhalb des Bunkerauges, die Reste der jüdischen Häuser besonders gut erhalten geblieben. Das Wissen um die Existenz eines blühenden jüdischen Viertels war seit dem Pogrom im Jahre 1519 nie verloren gegangen. Schon der Lehrer, Komponist und Musiktheoretiker und als Regensburger Chronist wirkende Andreas Raselius berichtet kritisch davon. 1598 schrieb er eine lateinische und eine deutsche Fassung einer Regensburger Chronik: "Beschreibung der Stadt Regensburg, was sich von Anfang derer biß auf jetzige Zeit begeben". Er beschreibt in einer Art Stadtführung alle bedeutenden Bauten und schildert die wichtigsten Ereignisse bis zum Jahr 1545. Er trat für die Juden ein und urteilte in seiner Regensburger Stadtchronik kritisch über den Abriss des Judenviertels auf dem späteren Neupfarrplatz. Durch die letzten fünf Jahrhunderte ziehen sich auch die Nachrichten von im Erdboden verschwundenen Menschen und eingebrochenen Fuhrwerken auf dem Neupfarrplatz. Die Ursache dieser Unfälle war die schlechte, nicht verdichtete Verfüllung vieler Kellerräume, die unter dem gesamten Neupfarrplatz mit ihren Gewölben erhalten geblieben sind.
- Links:
Das mittelalterliche Judenviertel; Eine multimediale Präsentation
www.arctron.de/Computergrafik/Multimedia/Neupfarrplatz/npp.swf
Die "Schöne Maria" von Regensburg
www.uni-klu.ac.at/kultdoku/kataloge/36/html/2709.htm
Wallfahrt zur Schönen Maria 1519/20
www.wga.hu/art/o/ostendor/pilgrima.jpg
Blogg: Neupfarrplatz in Regensburg
Judentum in Regensburg




