[Vorarlbergensia] Beide "Hohenemser" Nibelungenlied-Handschriften sind UNESCO-Welterbe
Drei Ausgaben des Nibelungenliedes haben den UNESCO-Welterbetitel.Zwei davon wurden in Hohenems aufgefunden.
Deutscher Heldenepos. Das Nibelungenlied ist das berühmteste Heldenepos der mittelhochdeutschen Literatur und gilt als herausragendes Beispiel der europäischen Heldenepik, vergleichbar mit der griechischen Troia-Sage. Es wurde um 1200 von einem unbekannten Dichter am Hof des Passauer Bischofs Wolfger von Erla niedergeschrieben. Die strophische Dichtung in 39 Aventiuren erzählt von der Liebe des Drachentöters Siegfried zur burgundischen Königstochter Kriemhild und ihrer Heirat, von Siegfrieds Tod durch Hagen und Kriemhilds Rache mit Hilfe des Hunnenkönigs Etzel, die zum Untergang des Burgunder-Reiches führt. Das Epos basiert auf älteren mündlichen Überlieferungen. Historischer Hintergrund ist der Sieg der Hunnen über die Burgunder im Jahr 436 nach Christus. Das Sagengut reicht bis in die Zeit der Völkerwanderung in Europa zurück und war weit über die Landesgrenzen hinaus in ganz Skandinavien und in Spanien verbreitet.
Zweimal Hohenems. Handschrift A, die in München verwahrt wird, entstand vermutlich im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts in einem unbekannten Schreibzentrum im alpenländischen Raum. Charakteristisch für sie sind die roten Initialen und Überschriften. Die Geschichte der Handschrift liegt noch völlig im Dunkeln. Sie wurde 1779 in Hohenems gefunden - knapp 25 Jahre, nachdem an gleicher Stelle die Handschrift C aufgetaucht war. 1810 erwarb die Münchner Hof- und Staatsbibliothek den uralten Codex.
Rezeption beginnt mit Hohenems. Im 16. Jahrhundert geriet das Nibelungenlied in Vergessenheit. Die moderne Rezeption begann erst wieder im Jahr 1755, als eine der Handschriften des Nibelungenlieds in Hohenems wiederentdeckt wurde. Im 19. Jahrhundert hatte das Nibelungenlied große Bedeutung als nationales Epos. Richard Wagner brachte es in seinem Musikdrama "Ring des Nibelungen" auf die Opernbühne und Friedrich Hebbel formte daraus ein Theaterstück. Das Epos wurde mehrfach verfilmt, erstmals im Stummfilm von Fritz Lang in den Jahren 1922 bis 1924.
Karlsruhe. In Karlsruhe liegt die älteste und historisch bedeutendste der Handschriften des berühmten "Nibelungenlieds". Die zu den denkwürdigsten Erzählungen aus dem Mittelalter zählende Sage ist in insgesamt drei vollständigen Abschriften überliefert, je eine befindet sich in der Bayerischen Staatsbibliothek München, in der Stiftsbibliothek St. Gallen und in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe. Die Handschriften gehören nun zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Anlässlich der Auszeichnung der UNESCO in München am 25. Januar präsentierte die Badische Landesbibliothek ihre sonst äußerst selten zu sehende Abschrift für vier Tage.
Buchmalerei. In den oft farbenfrohen Buchmalereien hat sie viele Darstellungen von Helden mit Drachen gefunden. Auf eine Federzeichnung in Rot ist sie besonders stolz, denn dieses Fragment aus dem 12. Jahrhundert zeigt eine der frühesten Darstellungen des historischen Gotenkönigs Theoderich. Er thront auf einem Richterstuhl, über ihm schwebt ein Flugdrache. In der Sage verwandelte sich der historische Herrscher in die mythische Gestalt des Dietrich von Bern, ein edler Recke, der mit Riesen kämpft und auch im Nibelungenlied einen Gastauftritt hat.
In Pflege. Damit die wertvollen Stücke durch eine auch nur vier Tage dauernde Ausstellung keinen Schaden nehmen, muss für die exakt richtige Luftfeuchtigkeit, Temperatur und die richtige Menge Licht gesorgt werden. Jahrhunderte hatte sie solche Pflege nicht: In der völlig unordentlichen Bibliothek des Schlosses Hohenems fand 1755 ein interessierter Arzt das um 1220 von einem unbekannten Schreiber notierte Nibelungenlied. Als einige Jahre später diese Handschrift zu Forschungszwecken ausgeliehen werden sollte, fand man sie in der Hohenemser Bibliothek nicht wieder. Sie blieb für mehrere Jahrhunderte verschwunden. Stattdessen fand man eine andere Abschrift (C) der Sage.
Die zuerst gefundene Nibelungenhandschrift, heute als Codex C benannt, kam Mitte des 19. Jahrhunderts dank der Hartnäckigkeit des begeisterten Sammlers Joseph von Laßberg in die Bibliothek der Fürsten zu Fürstenberg. Beim Verkauf der Bibliothek 2001 sicherten sich die Bundesrepublik Deutschland und die Landesbank Baden-Württemberg die wertvolle Nibelungenhandschrift, die seitdem in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe aufbewahrt wird.
Handschrift C. Was unterscheidet die Karlsruher Handschrift von den anderen Überlieferungen des Nibelungenlieds? In allen Überlieferungen finden sich Überarbeitungen des Stoffes und inhaltliche Widersprüche, aber der Autor des Codex C hat versucht, diese Widersprüche zu glätten. Typisch für das mittelalterliche Erzählen ist das Herunterbrechen historischer Ereignisse auf persönliche Konflikte. Im Nibelungenlied löst der Streit zwischen den Königinnen Brünhild und Kriemhild den Untergang eines ganzen Volkes aus.
UNESCO-Welterbe. Die UNESCO hat das Nibelungenlied im Juli 2009 in das Register des Memory of the World aufgenommnen. Für das Register wurden die drei wichtigsten und vollständigsten Handschriften des Nibelungenlieds ausgewählt. Sie werden in der Bayerischen Staatsbibliothek in München (Handschrift A), der Stiftsbibliothek des Klosters St. Gallen (Handschrift B) und der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe (Handschrift C) aufbewahrt.



