[30. Januar 1917] Die florentinische Tragödie nimmt ein deutsches Ende
"Eine florentinische Tragödie" von Alexander Zemlinsky wurde am 30.Januar 1917 am Staatstheater in Stuttgart unter Max von Schillings uraufgeführt. 1933 vertreibt ausgerechnet Schillings Zemlinskys Schwager Arnold Schönberg aus der Preußischen Akademie der Künste, weil der "jüdische Einfluss gebrochen werden müsse".
Eine florentinische Tragödie. Die florentinische Tragödie ist eine merkwürdige Dreiecksgeschichte nach einem Text von Oscar Wilde die Zemlinsky mit einer raffinierten luxuriösen Musik unterlegt hat. Im 16. Jahrhundert ertappt der Tuchhändler Simone in Florenz seine Frau in flagranti mit dem Fürsten Guido überrascht. Simone spielt, bevor er den Adeligen liquidiert, mit ihm, wie eine Katze mit einer Maus spielt, bevor sie sie frisst: Er gibt sich ahnungslos, vermutet hohnvoll in dem vertraulichen Guido einen Verwandten seiner Frau, als kenne er deren Verwandtschaft nicht, und als hinge das Bild der Herzogsfamilie nicht an der Wand jedes Rathauses, jeder Gaststube. Zum Schein demütigt er sich, unterstellt dem Prinzen statt verbotener Liebeslüste Sammelleidenschaft für Stoffe und Kleider, nötigt ihn zum Kauf irrsinnig teurer Textilien, fordert ihn schließlich zum scheinbar nur sportlichen Kampf mit dem Säbel heraus. Bianca, die Simone für einen Schlappschwanz hält, stellt sich auf die Seite ihres Liebhabers, ermutigt den Prinzen zum ernsten Duell. Dabei wird der Adelige tödlich verwundet, ja erwürgt. Über dem Toten findet das Ehepaar in Ekstase über die unerwartete Kraft des anfangs nur kleinkrämerischen Ehemanns wieder zueinander.
Die oberflächlichen Interpretationen des Textes von Oscar Wilde treiben merkwürdige Blüten. Zum einen die "Biologistische" ("Stichwort: survival of the fittest"): Zwei Sechzehnender machen im Revierkampf untereinander aus, wer die Hirschkuh besteigt. Das Weibchen gibt sich nach dem tödlichen Ausgang des Zweikampfes bereitwillig dem Sieger. Da es so nicht sein darf, sucht man nach anderen Lösungen: Prinz kontra Kaufmann - Der Vertreter des Bürgertums, Kaufmann Simone, liquidiert mit seiner Bluttat den Vertreter des Feudalismus, den Adeligen Guido. Andere unterstellen Zemlinsky in der Vertonung biografische Akzente, nämlich die Enttäuschung über Alma Mahlers Intrigen und Verletzungen. Im Februar 1900 lernte Zemlinsky auf einer Abendgesellschaft Alma Schindler kennen, die spätere Frau Gustav Mahlers, Franz Werfels und Walter Gropius'. Bereits zwei Wochen zuvor hatte die 21-Jährige Zemlinsky erlebt, als er im Musikverein die Uraufführung seiner Kantate "Frühlingsbegräbnis" dirigierte. Zwischen der attraktiven und parkettsicheren Alma und dem zurückhaltenden Zemlinsky entwickelte sich bald ein intensives Verhältnis. Nachdem Alma ihm einige ihrer Lieder gezeigt hatte, verkehrte er zunächst regelmäßig im Hause von Almas Stiefvater Carl Moll als ihr Kompositionslehrer. Doch ab Herbst 1900 ging es um mehr als um den Unterricht. Zemlinsky und Alma Schindler begannen eine ebenso heftige wie problematische Liebesbeziehung, die bis zum folgenden Herbst andauerte, als Alma Gustav Mahler begegnete und wenig später heiratete.
Diese zwanghaften Interpretationsversuche übersehen das ästhetische Wortspiel das Oscar Wilde um diese Geschichte entwickelt, mit dem er das permanente Andeuten des Ehebruchs bis zur Erschöpfung auskostet. Zemlinskys Musik muss nicht nur die Ausgangslage des Stückes "erzählen", die in Wildes Vorlage fehlt und den überraschenden und zynischen Ausgang "erklären". Hier liegt wohl der besondere Reiz gerade dieser Komposition.
Max von Schillings. Er war ein Gegner der Weimarer Republik und erklärter Antisemit. Als Nachfolger Max Liebermanns wurde er 1932 - vor der Machtübernahme der Nazis - von den Mitgliedern zum Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste zu Berlin gewählt und amtierte dort bis zu seinem Tode im Juli 1933. Im März 1933 verkündete Max von Schillings, Präsident der Preußischen Akademie der Künste in Berlin, dass der jüdische Einfluss an dieser Institution gebrochen werden müsse. Schönberg beantragte daraufhin augenblicklich Urlaub. Im April wurde das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" verabschiedet und im Mai erfolgte die sofortige Amtsenthebung des Komponisten. Schönberg emigrierte im Oktober über Frankreich in die Vereinigten Staaten von Amerika.
Es ist nichts als Entlastung und Schönfärberei die Bestellung von Schillings zum Präsidenten der Akademie als einem "Akt vorwegnehmender Anpassung“ herunterzuspielen. Es ist das elitäre Kunstverständnis, namentlich der Expressionisten, die in blindem Aktionismus auf das "Neue" zielt, ungeachtet darüber was sich dahinter verbirgt. Man hatte schon den ersten Weltkrieg als Reinigung und Wende zum Neuen herbeigesehnt und begrüßt. Man berauschte sich dran, ohne zu fragen, auf welche Ziele sie denn bezogen werden sollten. Ein und dieselben Künstler konnten sich nacheinander sowohl für den Krieg, als auch für die Revolution, den Nationalsozialismus und auch den Kommunismus engagieren. Die Verschiedenartigkeit der Akademie-Mitglieder sollte zwar dem demokratisch verfassten Gemeinwesen verpflichtet sein und es - durchaus auch im Streite - weiter fördern. Aber es fehlen nicht nur einige Namen wie Ossietzky, Tucholski oder Brecht. Es fehlt auch bei den meisten der rechte Glaube an die Weimarer Republik. Deren Kräfte streben auseinander wie die der Künstler auch. Hermann Hesse urteilt hart und bitter, als er 1930 seinen Austritt begründet: "Der letzte Grund ist mein tiefes Misstrauen gegen die deutsche Republik. Dieser haltlose und geistlose Staat ist entstanden aus dem Vakuum, aus der Erschöpfung nach dem Kriege. Die paar guten Geister der "Revolution", die keine war, sind totgeschlagen, unter Billigung von 99 Prozent des Volkes. Die Gerichte sind ungerecht, die Beamten gleichgültig, das Volk vollkommen infantil."
Davon ist Schillings so weit nicht entfernt und bleibt sein Antisemitismus weit früher einfach nur "privat" oder unwidersprochen, allerdings auch nicht wirklich auffällig. Als er 1925 aus der Preußischen Staatsoper entlassen wird, hält er das für eine Folge des von ihm ungeliebten Systems. Die Akademie der Künste in Berlin verabschiedet ein von ihrem Präsidenten Max Liebermann unterzeichnetes Schreiben an den entlassenen Intendanten der Staatsoper Max von Schillings, in dem sich die Akademiemitglieder mit ihm solidarisieren. Von Max Liebermann stammt überigens das berühmte Bonmot über die Nazis "Ick kann jar nich so viel fressen, wie ick kotzen möchte!". Als die Sektion für Bildende Kunst der Preußischen Akademie der Künste beschließt, keine Werke jüdischer Künstler mehr auszustellen, erklärt etwa auch Max Liebermann öffentlich seinen Austritt aus der Akademie. Ferdinand Avenarius (ein Enkel von Richard Wagner), der Jude Max Liebermann und Max von Schillings fungierten aber um 1923 noch gemeinsam als Herausgeber eines Privatdruckes zum 60. Geburtstag von Arno Holz.
Auch die Relativierung von Schillings Antisemitismus - wie er in einer jüngst erschienen Biografie betrieben wird - in einer liberalen Haltung gegenüber "nationalen" Juden und forschen gegenüber "internationalen" sowie seiner nationalistischen Wagner-Rezeption erfordert gerade im Nachhinein ein vorsätzliches Verschließen von Augen und Ohren. Es darf aber wohl angemerkt werden, dass es ihm nicht mehr wie Gottfried Benn vergönnt war, sich von den Nazis loszusagen, verstarb er doch noch im Sommer 1933. Max von Schillings ist auch keineswegs ein Einzelfall: Orff, Strauss, Furtwängler, Karajan, ...
Am 13. März entwarf Gottfried Benn zusammen mit Max von Schillings einen Revers an die Akademiemitglieder, mit dem die politischen Gegner der Nationalsozialisten mundtot gemacht werden sollten: "Sind Sie bereit unter Anerkennung der veränderten geschichtlichen Lage weiter Ihre Person der Preußischen Akademie der Künste zur Verfügung zu stellen? Eine Bejahung dieser Frage schließt die öffentliche politische Betätigung gegen die Reichsregierung aus und verpflichtet Sie zu einer loyalen Mitarbeit an den satzungsgemäß der Akademie zufallenden nationalen kulturellen Aufgaben im Sinne der veränderten geschichtlichen Lage."
Arnold Schönberg. Schönberg hingegen war schon früh wegen des latenten - noch vorwiegend "privaten" - Antisemitismus sensibilisiert. Belegt sind seine Konflikte deswegen mit dem Bauhaus und Kandinky. Auch hatte er zu Beginn der Dreißigerjahre wenig Lust mehr an der Akademie in Berlin zu lehren. Seine einjährige Abwesenheit von Mai 1931 bis Anfang Juni 1932 schien nicht mehr allein der Genesung verpflichtet, denn Schönberg begann nach Geldquellen Ausschau zu halten, damit er – so in einem Brief vom 24. Mai 1932 – "nicht zu den Hakenkreuzlern und Pogromisten nach Berlin zurück muss". Auf Druck der Akademieverwaltung, die mit Gehaltssperre drohte, musste er freilich. Zu Anfang des Jahres 1932 schrieb er unter dem Titel "Nationaler Aufmarschplan des nordischen Geblütes" eine bissige Glosse auf die massiven antisemitischen Übergriffe der nationalsozialistischen "Sturmtruppe". Nach der Machtergreifung der Nazis am 30. Januar 1933 wurde der bis dahin "private" Antisemitismus zum Regierungsprogramm erklärt. In der Senatssitzung der Akademie am 1. März erfolgte die Gleichschaltung der Akademie, indem deren Präsident Max von Schillings deutlich machte, dass der "jüdische Einfluss gebrochen werden müsse". Aus Protest gegen diese rassistische Schmährede verließ Schönberg die Akademiesitzung und teilte am 20. März seinen Rücktritt mit. Als ihm am 23. Mai seine sofortige Beurlaubung mitgeteilt wurde, befand er sich zusammen mit seiner Frau Gertrud und der Tochter Nuria bereits im Pariser Exil.
- Links:
Oscar Wilde - Eine florentinische Tragödie - Text
www.besuche-oscar-wilde.de/werke/deutsch/stuecke/tragoedie.htm
Max von Schillings - Wikipedia
de.wikipedia.org/wiki/Max_von_Schillings
Arnold Schönberg und Alexander Zemlinsky
www.schoenberg.at/4_exhibits/asc/zemlinsky/asc_2003_zemlinsky.htm
Alexander von Zemlinsky




