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17.02.2010

[17. Februar 1955] Zivilcourage: "Sie irren sich, das Stück ist von Alban Berg!"

Am 17.Februar 1955 dirigiert Carlos Kleiber zum ersten Mal, in Potsdam Millöckers "Gasparone". Damit beginnt eine Dirigenten-Laufbahn, die seinem berühmten Vater nicht nachsteht. Beide zählen zu den prominentesten Dirigenten des 20.Jhs. Erich Kleibers Karriere war in vollem Gang als er 1934 Nazi-Deutschland verließ. Er lehnte  - im Gegensatz zu anderen - wie Böhm, Karajan, Richard Strauss oder Furtwängler die angebotene Nazi-Karriere ab.

Übervater. Man weiß nicht, was Carlo Kleibers Vater bewogen hat, welcher Teufel ihn geritten hatte, seinem Sohn in Zürich eine Chemikerlaufbahn einzureden. Und welch ein Chemiker wäre er wohl geworden, wenn dort seine Leistungen nur annähernd an seine Dirigentenfähigkeiten herangereicht hätten. Jedenfalls erklären die Biografen gerne das manchmal auch übertrieben als "autistisch" beschriebene Verhalten mit dem Übervater Erich Kleiber.

Napoleon. Schon die Witwe Gustav Mahlers - Alma Mahler-Werfel - beschrieb ihn als autoritär: "Erich Kleiber, das Männchen mit dem Napoleonhut auf. Ein überkompensiertes Etwas. Er hätte es nicht notwendig, denn er ist ein großartiger Musiker." Der Prefektionist der er war, drückt sich auch in folgender Legende aus: Kleiber war einmal in einem renommierten Opernhaus eingeladen, den "Rosenkavalier" zu dirigieren. Er verlangte für dieses Gastspiel drei volle Orchesterproben. "Das ist völlig unnötig", wurde ihm versichert, "unser Orchester kennt das Werk praktisch auswendig". Kleibers Antwort: "In diesem Fall muss ich allerdings auf sechs Proben bestehen!". Und von Carlos Kleiber selber stammt eine Beschreibung seines Vaters während einer Probe zur Oper "Elektra", die geradezu nach Freud ruft: Gegen Mitte der Vorstellung sei der Dirigent so sichtbar von dem Werk bewegt gewesen, dass seine Arme länger und länger zu werden schienen, die ganze Figur ins Riesenhafte wuchs. Eine fremde, mysteriöse, einzigartige Geste.

Argentinien - Österreich - Slowenien. Carlos Kleiber trat extrem selten auf, mochte nie Engagements auf Dauer, dies obwohl er einer der meistgesuchten Dirigenten war. Jeder seiner Auftritte war ein Ereignis, mit Spannung erwartet, ja herbeigesehnt von seinem Publikum. Oberflächlichkeit und Routine waren ihm fremd, dagegen standen die seltene Kombination von Eleganz, Leichtigkeit und Eindeutigkeit des Dirigats, gepaart mit höchster Musikalität. Auch die Zahl seiner Schallplatteneinspielungen ist gering, aber alle Aufnahmen sind bis ins kleinste ausgefeilt von großer Intensität und von der Kritik meist hochgelobt.

In der Wiener Staatsoper wurde aus Anlass seines Todes die Probebühne in "Probebühne Carlos Kleiber" umbenannt. Direktor Ioan Holender dazu: "Niemand in der langen Geschichte der Staatsoper hat so selten in diesem Haus dirigiert und es dabei so unendlich tief bis in alle Ewigkeit beeinflusst wie Carlos Kleiber". Seine raren Auftritte in Wien, seien Interpretationen von "Rosenkavalier", "Carmen", "La Traviata", "La Boheme" und der "Fledermaus" sind inzwischen lebendige Musikgeschichte. Seit 1980 hatte Carlos Kleiber auch wieder einen österreichischen Pass. Kleiber war mit der slowenischen Balletttänzerin Stanka Brezovar verheiratet gewesen und hatte in seinen letzten Lebensjahren in München und dem 25 Kilometer von Laibach entfernten Ort Konjsica gelebt, wo er ein Haus besaß und wo er zusammen mit seiner ein Jahr zuvor verstorbenen Frau auch beigesetzt wurde.


NS-Staatskarriere abgelehnt. Erich Kleiber brachte es 1911 zum Chorleiter des Landestheaters in Prag, dann 1912 zum 3. Kapellmeister des Darmstädter Hoftheaters, wo er wiederum eine "Tristan"-Aufführung von Arthur Nikisch miterlebt, das zweite einschneidende Bühnenereignis, das ihn nachhaltig beeindruckt. In den folgenden Jahren erwies sich Kleiber als begabt und ehrgeizig, wechselte nach Berlin und schaffte es durch eine Vertretung, als er 1923 das Dirigent für den "Fidelio" einsprang, so sehr auf sich aufmerksam zu machen, dass er bald danach zum Generalmusikdirektor der Staatsoper ernannt wurde. Dort er dirigierte er u.a. deutsche Erstaufführungen von Alban Bergs "Wozzeck", Ernst Kreneks "Leben des Orestes" und Darius Milhauds "Christophe Colombe". Er gilt als einer der großen vier, die in den zwanziger Jahren das Musikleben der Metropole bestimmten - neben Furtwängler, Klemperer und Bruno Walter.


Bis zu Machtergreifung der Nazis blieb Vater Erich Kleiber auf diesem Posten und versuchte ein ausgewogenes Programm aus Klassikern und zeitgenössischer Musik zu bieten. Neben der Tätigkeit an der Berliner Staatsoper reiste er als Gastdirigent durch Europa und die beiden Amerika, wo er auch seine spätere Frau Ruth Goodrich kennen lernte. Mit den kulturfeindlichen braunen Machthabern kam er jedoch schnell in Konflikt, als er an Alban Bergs Oper "Lulu" auf dem Spielplan festhielt. Kleiber dankte ab, obwohl selbst weder rassisch noch politisch unmittelbar verfolgt, und ging nach Buenos Aires ans Teatro Colón. Kleibers Karriere war also in vollem Gang, als er 1934 das nationalsozialistische Deutschland verließ, weil er - etwa im Gegensatz zu seinen skrupellosen Kollegen Karajan und Böhm - weder dem Regime dienen noch sich mit dessen Kulturpolitik arrangieren wollte. Auch die angebotene Ernennung zum Staatskapellmeister konnte ihn nicht zurück locken.

Stattdessen führte er ein Vagabundendasein als Konzertdirigent und wirkte dann bis 1949 als Chefdirigent der Deutschen Oper am Teatro Colón in Buenos Aires und als Leiter der Orquesta Filarmónica de la Habana (1943-47). Seit 1947 dirigierte er auch wieder in ganz Europa. Couragiert blieb er auch nach seiner Rückkehr, als er sich gleichermaßen mit dem jungen DDR-Regime wie mit dem langsam erblühenden Wirtschaftswunder - Westdeutschland anlegte. Er übernahm 1954 die musikalische Oberleitung der Ost-Berliner Staatsoper, die auf seine Anregung wieder aufgebaut wurde, gab sie aber im Jahr darauf aus politischen Gründen wieder ab. Zwar dirigierte Erich Kleiber wieder in Deutschland und Österreich, doch wurde dem Exilanten - im Gegensatz zu Böhm und Karajan - kein bedeutender Posten angeboten, bevor er 1956 starb. Erich Kleiber war einer der großen, und einer der wenigen universellen Dirigenten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ein genialer Dirigent, dessen Emotionalität, Emphase und Präzision, die Menschen von den Sitzen reißen konnte.

Erich Kleiber: Wozzek - Lulu. Die Arbeit am Wozzeck hatte Berg schon 1921 beendet. Lange Zeit fand sich kein Opernhaus das die ganze Oper wegen der immensen Schwierigkeiten für Orchester und Sänger zur Aufführung bringen wollte. Einzig Erich Kleiber der frischgebackene junge Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper Unter den Linden erkannte die Genialität der Partitur und brachte den Wozzeck nach legendär gewordenen 34 Orchesterproben am 14. Dezember 1925 zur Uraufführung. Als Inbegriff der musikalischen Moderne wurde das erste abendfüllende Musiktheaterwerk aus der Stilepoche der sogenannten "freien Atonalität" international repertoirefähig. Berg und Erich Kleiber als Dirigenten gelingen es, das hohle Gewäsch rhetorisch trainierter Mächtiger gegen den hilflosen, aber in der Vertonung emotional hoch-differenzierten Ausdruck menschlichen Denkens und Empfindens "auszuspielen". Die Wozzeck-Uraufführung war, wie Berg anerkennend meinte, eine, die "sich gewaschen hat". Auf Störungen bei der Premiere war Kleiber gefasst. Aber das anfänglich reservierte Publikum steigerte sich immer mehr in Jubel. Es war sich bewusst, einem Jahrhundertereignis beizuwohnen. Die eher rechts gerichtete Presse allerdings sprach von "Kapitalverbrechen", "Höllenspektakel", "Brunnenvergiftung". Und auch als Clemens Krauss in Bergs Heimatstadt Wien 1930 den Wozzeck herausbrachte, versuchte die NS-nahe Presse einen Skandal anzuzetteln. Selbstverständlich wurde das Werk im "Dritten Reich" verboten. Im Rom des Duce konnte es aber 1942 als "beste deutsche Oper des 20.Jahrhunderts" aufgeführt werden. Der Wozzeck gilt heute als Markstein in der Geschichte der Oper und als eines der bedeutendsten Werke des 20. Jahrhunderts.

Ähnliche Wertschätzung fand auch Bergs zweite unvollendet gebliebene Oper Lulu nach einem Text des Dramatikers Frank Wedekind. Wiederum war es Erich Kleiber der am 30. November 1934 in Berlin der fünfteiligen Lulu-Suite seines Freundes und Landsmanns zu einem einhellig begeisterten Erfolg beim Konzertpublikum in der Staatsoper nicht aber bei der nazistischen Presse verhalf. Nur ein einsamer Protestierender brüllte: "Heil Mozart!" Kleiber - der größte Mozart-Dirigent seiner Zeit - konterte sofort: "Sie irren sich, das Stück ist von Alban Berg!" Vier Tage später trat Kleiber, der keine Möglichkeiten der Weiterarbeit mehr sah, als Generalmusikdirektor zurück und kehrte Deutschland für die nächsten 16 Jahre den Rücken.