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07.02.2010

[7.Februar 1786] Ein musikalisches Duell wird der Nachwelt nationalistisch

Am 7. Februar 1786 fand in der Orangerie des Schlosses Schönbrunn auf Wunsch von Kaiser Joseph II. ein Wettstreit zwischen Hofkomponist Wolfgang Amadeus Mozart und Hofkapellmeister Antonio Salieri statt. Salieri und Textdichter Giambattista Casti hatten alle Vorteile auf ihrer Seite, auch den Kaiser.

Orangerie. Auf Betreiben Franz I. Stephan wurde um 1754 das Orangeriegebäude von Nicola Pacassi, vermutlich nach Plänen Nicolas Jadots, errichtet. Mit ihren 189 Metern Länge und zehn Metern Breite zählt die Schönbrunner Orangerie neben Versailles zum größten barocken Orangeriegebäude. Die nach Süden gerichtete Fassade ist abwechselnd durch größere und kleinere Rundbogenöffnungen mit rustizierten und mit Masken geschmückten Wandpfeilern gestaltet. Der Innenraum ist mit rhythmisch gegliederten flachen Gewölben versehen, eine Fußbodenheizung sorgte für das entsprechende Raumklima. Die Orangerie diente aber nicht nur als Winterquartier für Citrusfrüchte und Kübelpflanzen, sondern auch als blühender Wintergarten für Festivitäten des Kaiserhauses. Der hintere Teil des Orangeriegebäudes wird bis heute in seiner ursprünglichen Funktion genützt, im vorderen, revitalisierten Teil finden die Schönbrunner Schlosskonzerte statt.

In der Zeit Kaiser Joseph II. wurden im Winter, als die Orangerie wie heute mit Kübelpflanzen gefüllt war, Festtafeln arrangiert. Der Kaiser hatte solche Feste auf seiner Russlandreise im St. Petersburger Wintergarten erlebt. Am 6. Februar 1785 gab Kaiser Joseph II. eine Festtafel für 56 durch das Los ausgewählte Aristokraten. Die Teilnehmer erinnerten sich: "Die Blumen aller Jahreszeiten dufteten hier im strengsten Winter auf einer prächtigen Tafel, ringsum standen Pomeranzen- und Zitronenbäume in schönster Beleuchtung und nach der Tafel war Schauspiel und Ball in diesem blühenden Wintersaale". Es wurden Szenen aus Lessings Emilia Galotti und das Lustspiel "Der seltene Freier" sowie die italienische Oper "II finto amore" gespielt. Bei einem ähnlichen Fest, ein Jahr später am 7. Februar 1786, wurden die Oper "Der Schauspieldirektor" mit der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart und Antonio Salieris Oper "Prima la musica, poi le parole" uraufgeführt. Mozart und Salieri lieferten sich mit den von Joseph II. bestellten Stücken einen musikalischen Wettstreit.

Wettstreit Salieri - Mozart. Der Wettstreit ist eigentlich ein vorzüglicher Ausweis für den aufgeklärten Herrscher Joseph II. Die Idee Kaiser Josephs war, mit zwei Theater-auf-dem-Theater-Sujets einen Wettstreit der damals in Wien konkurrierenden Musiktheater-Genies zu initiieren – der tradierten italienischen Oper und des neu aufkommenden deutschen Singspiels. Beide Einakter behandeln dasselbe Thema: eine neue Oper soll aufgeführt werden, zwei Sängerinnen rangeln um das Engagement, am Schluss glättet sich der Streit und alle sind glücklich. Und es war mehr als nur ein Wettstreit zwischen zwei "Rivalen" - wie man heute vielleicht verkürzt sehen möchte: Es war ein Fest zu Ehren des Niederländischen Generalgouverneurs, es war auch Mäzenatentum, es waren zwei Kompositionsaufträge für ein "Frühlingsfest an einem Wintertage"!

Antonio Salieri: Prima la Musica, poi le Parole. Zu deutsch: "Erst die Musik, danach der Text". In dem Einakter diskutieren Hofpoet und Kapellmeister über ein Stück, das ihr Herr, der Graf, aufzuführen wünscht und in dem gesungen und rezitiert werden soll. Zwischen alten Manuskripten findet der Musiker eine sehr schöne passende Musik und drängt den Dichter, dazu einen entsprechenden Text zu verfassen. Noch ein anderes Problem taucht auf: Es gilt, passende Darsteller zu finden. Der Fürst schlägt vor, ein von ihm protegiertes Mädchen, das das Buffofach beherrscht, auftreten zu lassen. Die anderen wollen lieber eine Künstlerin engagieren. Jetzt stimmt die Handlung nicht mehr, und der Dichter versucht, die Oper so umzuarbeiten, dass sie allen gefällt und die beiden Sängerinnen ihren tragischen und heiteren Teil vortragen können. Das Libretto stammte von Giovanni Battista Casti, der schon für Salieris "La Grotta di Trofonio" 1785 arbeitete.

Wolfgang Amadeus Mozart: Der Schauspieldirektor. Der Theaterdirektor Frank ist soeben mit der Aufstellung einer Wanderbühne beschäftigt. Buff, ein alter Theaterhase, rät ihm, mit einer imponierenden Anzahl von Schauspielern zu blenden, wogegen ohne weiteres schlechte und daher billige Kräfte hingenommen würden, ferner bei der Wahl der Stücke auf hochtrabende künstlerische Pläne zu verzichten und dem Geschmack des Publikums entgegenzukommen. Die Sorge um die Finanzierung des Unternehmens nimmt dem Direktor der reiche Bankier Eiler ab, der aber als Gegenleistung das Engagement seiner Freundin, der Madame Pfeil fordert, die angeblich alle Rollen spielen kann und auch spielen möchte. Es stellen sich der Reihe nach die Actricen, der Schauspieler, sowie die Sängerinnen und der Tenor vor, die alle Proben ihres Könnens vor dem Direktor ablegen. Beim Aushandeln der Gagen kommt es aber unter den Komödianten sogleich zu Rivalitäts- und Rangstreitigkeiten, die abrupt aufhören, als Frank erklärt, in Anbetracht der Uneinigkeit auf die Errichtung der Theatergesellschaft lieber ganz zu verzichten. In einem Rundgesang stellen die Sänger fest, dass bei allem persönlichen Ehrgeiz nur durch das einträchtige Zusammenwirken aller Kräfte das Kunstwerk gedeihen könne und der Künstler sich durch Überheblichkeit selbst verkleinere, während die Qualifizierung der Leistungen Sache des Publikums sei. Dazwischen scherzt der komödiantische Buff, den Sington der Sänger aufnehmend, dass er leicht und ohne Streit durch Anhängung eines o an seinen Namen zum ersten Buffo werde. Als er renommierend hinzufügt, dass ihn auch das Publikum, wenn es ihn singen höre, als den Besten des Ensembles anerkennen werde, weisen ihn die drei Sänger mit der Wiederholung des moralisierenden Refrains in die Schranken.

Mozart schrieb die Musik in der erstaunlich kurzen Zeit zwischen 18. Januar und 3. Februar 1786. Das Libretto stammte von Johann Gottlieb Stephanie dem Jüngeren, der für Mozart schon 1782 den Text zur "Entführung aus dem Serail" geliefert hatte. Sinnigerweise lautet der moralisierende Refrain des Wettbewerbsprojektes: "Künstler müssen freilich streben, stets des Vorzugs wert zu sein, doch sich selbst den Vorzug geben, über andre sich erheben, macht den größten Künstler klein."

Nationalismus. Die österreichischen Berichte dazu merken an, dass der Wettbewerb zugunsten Salieris ausgegangen sei, weil für die italienische Oper eine zunehmend günstigere Situation in Wien vorhanden gewesen sei. Manche Nationalisten wundern sich auch über den Geschmack Joseph II., der ihnen als Aufklärer ohnedies suspekt war, und entwickeln allerhand Verschwörungstheorien.

Die Sache lag aber so: Salieri und Textdichter Giambattista Casti hatten alle Vorteile auf ihrer Seite. Während die beiden ein gut durchformtes und unterhaltsames Stück Oper ablieferten, geriet Mozarts "Schauspieldirektor" zu einer lockeren, mehr dem Schauspiel zugehörigen Szenenfolge: ein paar eingestreute Musiknummern und ein mäßiges, sehr zeitbezogenes Libretto hatten gegen Salieris kompakt gebaute Opera buffa schon rein formal keine Chance gehabt.

Grande Salieri
. Bis zum heutigen Tage aber wird Salieris Musik als uninspiriert und gegenüber Mozart als minderbegabt ausgewiesen, auch wenn man es unter Anführungszeichen setzt. Und weil Mozart gerade mal 35 Jahre geworden war, ehe er starb, wird Salieri als Giftmörder gehandelt. Dabei ist auch ein Henry Purcell gerade mal 36 Jahre geworden und wirft der frühe Tod eher einen Blick auf das Medizinwissen dieser Zeit: Aderlass und künstliches Erbrechen waren kaum geeignet einen Erkrankten widerstandsfähiger zu machen.

Materiallager Salieri.
Auch wenn sich beide Vorhalte - Giftmord und Minderbegabung - mit nichts halten lassen, ist die Distanz meist nur halbherzig und werden selten Mozart und Salieri selbständig gesehen. Dabei haben sich nicht nur Mozart, sondern auch da Ponte und Schikaneder in "Don Giovanni", "Così" und "Zauberflöte" mehrfach an Salieris "La Grotta" bedient. Das Klischee einerseits der geniale Mozart, was er zweifellos ist, und auf der anderen Seite eine neidige, graue Komponistenmaus klingt auch heute, trotz all den bemühten Versuchen sich kosmopolitisch zu geben, nach. Eine wesentlich "negative" Eigenschaft Salieris ist eben seine "italienische" Abstammung, wobei man sich nicht einmal bemüht die territorialen Verhältnisse seiner Zeit einzubeziehen, denn dann wäre eben auch Mozart ein Ausländer. Salieri aber, seit dem 16. Lebensjahr in Wien, ist offenbar selbst in unserem heutigen Verständnis noch (oder erst recht) ein "Ausländer", trotz seiner kaisertreuen Kantaten "Der Tyroler Landsturm" (1799), "La riconoscenza de’ Tirolesi" (1800) und "Habsburg" (1805).

Salieri genoss die Wertschätzung zweier berühmter Schüler, nämlich Schuberts und Beethovens. Beethoven schrieb u. a. Klaviervariationen über eine Arie aus Salieris Falstaff; Schubert war Schüler des k. k. Sängerknabenkonvikts in Wien, als Salieri auf ihn aufmerksam wurde und ihm etwa ab 1812 Kompositionsunterricht erteilte. Andere namhafte Komponisten, die bei Salieri in die Schule gingen, waren Cherubini, Liszt und Hummel. So war er k. k. Hofkapellmeister, Ritter der königlich-französischen Ehrenlegion, Vice-Präses des Pensions-Institutes der Tonkünstler zu Wien für ihre Witwen und Waisen, Mitglied des französischen National-Institutes und des musikalischen Conservatoriums zu Paris, dann der königlich-schwedischen musikalischen Gesellschaft und vieles mehr. Die Wiener Klassik hat ihm also einiges zu danken. Und nicht nur der Kaiser, auch das Publikum sahen es damals so: Zwischen 1784 und 1791 wurde Salieri in Wien 163 Mal gespielt - Mozart kam hier gerade mal auf 60 Abende.

Mailänder Scala.
Wie populär schon der 28jährige Salieri war zeigt, dass er zur Eröffnung der Mailänder Scala von Maria Theresia zur Komposition der Eröffnungsoper eingeladen war. Salieri hat es beileibe nicht verdient, immer nur mit Mozart und als dessen Rivale genannt zu werden. Vielleicht wäre in diesem Zusammenhang Gluck mehr zu nennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, wiewohl auch die tradierte Rivalität mit Mozart so nicht stimmt:

Mozart selbst sprach vom "grande Salieri”, beide feierten Nachmittage mit gemeinsamer Kammermusik und Mozarts Sohn war Schüler Salieris. Mozart schrieb Variationen über eine Arie aus einer der Opern Salieris. Die beiden komponierten zusammen eine Kantate für eine Sängerin, die sie besonders mochten. Salieri dirigierte in Mozarts Todesjahr eine seiner letzten Sinfonien vor großem Publikum und Constanze Mozart berichtete noch 1807 von der "Liebe und Freundschaft" Salieris für Mozarts Sohn. Noch wenige Wochen vor seinem Tod - im Oktober 1791 - holt Mozart Salieri "mit dem Wagen ab" und führt ihn in die Loge, zur Aufführung seiner "Zauberflöte". Salieri ist begeistert. "Kein Stück", so berichtet Mozart seiner Constanze stolz, "welches ihm nicht ein bravo oder bello entlockte".