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12.11.2009

12.November: Fünf lange Schillinge für einen Pelzrock

Am 12. November 1203 hat Wolfger von Erla, Bischof von Passau, bald auch Patriarch von Aquileia, dem in seinem Gefolge befindlichen Walther von der Vogelweide in Zeiselmauer "pro pellicio" (für einen Pelzrock) fünf "lange Schillinge" zur Anschaffung eines Pelzmantels zum Geschenk gemacht.

Quinque solidos longos. Es ist dies das einzige urkundliche Lebenszeugnis des Sängers Walther von der Vogelweide. Der Bischof von Passau war auch Patriarch von Aquileia. Die Residenz der Patriarchen von Aquileia war zu Zeiten Wolfgers von Erla in Cividale (Friaul). Im säkularisierten Stiftsarchiv zu Cividale fand Alessandro Wolf, ein Professor aus Udine, im Jahre 1874 unter anderem jene Pergamentblätter, die heute als die Reiserechnungen des Passauer Bischofs Wolfger von Erla bekannt sind. Walther von der Vogelweide erhielt danach aus der Kassa des Passauer Bischofs am 12. November 1203 in Zeiselmauer "pro pellicio" (für einen Pelzrock) fünf "lange Schillinge", was einer Recheneinheit von damaligen 150 Pfennigen entspricht: "Walthero cantatori de Vogelweide pro pellicio quinque solidos longos" (Walther, dem Sänger von der Vogelweide, für einen Pelzrock fünf Großschillinge). Das karolingische Zählpfund war damals in Bayern und Österreich nicht wie allgemein üblich in 20 sogenannte "solidi breves" (kurze Schillinge) zu 12 denarii – gesamt 240 denarii – unterteilt, sondern in 8 sogenannte "solidi longi" (lange Schillinge) zu 30 denarii – ebenfalls 240 denarii. Es war dies tatsächlich ein überaus großzügiges Geschenk, mit dem man damals nicht nur einen teuren Pelzrock, sondern zum Beispiel auch ein gutes Pferd kaufen hätte können.

Nibelungenlied. Es spricht vieles dafür, dass das "Nibelungenlied" von seiner Entstehung her mit Passau beziehungsweise mit dem Großraum der mittelalterlichen Diözese Passau in Verbindung zu bringen ist, die damals unter anderem auch Wien einschloss. Als Auftraggeber und Mäzen des unbekannten Dichters des "Nibelungenliedes" ist mit großer Wahrscheinlichkeit Wolfger von Erla anzusehen.

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Politik & Propaganda. Welch Wunder, dass noch niemand Walther von der Vogelweide als Vorläufer der heutigen politischen Pressesprecher in Anspruch genommen hat. Denn er huldigte nicht nur der Minne im engeren Sinne sondern verfasste für seine Brotgeber politische Propagandalieder. Walther von der Vogelweides Talent, durch geschickte Schreibweise seine Zuhörer zu manipulieren, war seinen Brotgebern auch bekannt und teuer, bei seinen Gegnern gefürchtet. Wie wirkungsvoll seine Propagandalieder sein konnten, beweist uns der Domherr von Aquilea, Thomasin von Zerclære, Verfasser der Tugendlehre "Der Welsche Gast". Er befehdet ihn 1215/16 wegen seiner antiklerikalen Sprüche und der ungerechten Polemik seines Papstliedes, nämlich "Tausende" beeinflusst zu haben: "Er hât tusent man betœret, daz sie habent überhœret gotes und des bâbstes gebot".
         
So bemüht sich Walther von der Vogelweide in zahlreichen Sprüchen, allerdings vergeblich, um die Gunst des Babenberger Hofes. Nach dem Tod Herzog Friedrichs I. 1198 findet Walther Aufnahme am Stauferhof König Philipps von Schwaben, dessen Krönung und Legitimität er im staufisch-welfischen Thronstreit in mehreren Sprüchen propagiert. Doch auch der Stauferhof ist nur eine Station in dem Wanderleben Walthers von der Vogelweide. Bezugnahmen in seinen Texten zeigen ihn im Umkreis weiterer Höfe. Dass sich Walther bemühte, dem Status des Wanderdichters zu entkommen, belegt die Lehensbitte und der Lehensdank an Kaiser Friedrich. Ein weiteres aus seinen Texten erschließbares Datum betrifft die mögliche Teilnahme am fünften Kreuzzug (1228/29) allerdings musste der Kreuzzug abgebrochen werden und man ging wieder nach Hause.

Ein politisches Gedicht ist auch sein sogenanntes "Palästinalied". Es steht im Zusammenhang mit dem fünften Kreuzzug, zu dem Kaiser Friedrich II. im Mai 1228 aufbrach. Es ist ein politisch-religiöses Propagandalied und das einzige Lied von ihm, das vollständig mit einer Melodie überliefert ist. Es ist nicht nur ein Lied, das einen Zug, eine "Pilgerfahrt", ins "Heilige Land" verherrlicht – der Kreuzzug war im damaligen Verständnis nichts anderes als eine "bewaffnete Pilgerfahrt". Es ist gleichzeitig Propaganda für den Kaiser und gegen den Papst. Denn Kaiser Friedrich II. war vom Papst längst exkommuniziert, d.h. aus der Kirche ausgeschlossen worden, als er zu seinem Kreuzzug aufbrach. Kaiser und Papst standen damals in heftigster Auseinandersetzung um Macht, Rang und "Weltherrschaftsanspruch", wobei sie sich nicht scheuten, sich sogar gegenseitig zu "verketzern" – das auch noch ganz im wortwörtlichen Sinne. Der Gegenspieler wurde als der "Antichrist" diffamiert. Den Kreuzzug Kaiser Friedrichs II. literarisch zu unterstützen, war ein eindeutiges politisches Bekenntnis. Zur Entstehungszeit des Palästinaliedes sind die Christen allerdings längst in der Defensive: Jerusalem ist verlorengegangen und die Reste christlicher Herrschaft halten sich nur noch aufgrund des zähen Widerstands der geistlichen Ritterorden der Tempelritter, Johanniter und Deutschritter.