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01.02.2010

[Free mp3] Beatriz de Dia - A chantar m'ér

Im Mittelalter pflegten nicht nur die Männer ihren Liebesschmerz in poetische Minnelieder zu fassen.  Beatriz de Dia (auch Comtessa de Dia) war im späten 12. Jahrhundert als okzitanische Trobairitz bekannt. Von ihr sind vier Texte überliefert, von "A chantar m'ér" ist sogar die Melodie noch erhalten.

Trobairitz. Eine Trobairitz war ein Komponistin und Sängerin von Liedern unterschiedlicher Art im okzitanischen mittelalterlichen Europa, also das weibliche "Gegenstück" zum Trobador (Trobadour, von dem provenzalischen Wort trobar - vgl. franz. trouver - dichten). Während aber Bernard de Ventadorn, Gaucelm Faidit oder Peire Vidal durch die Jahrhunderte hindurch lebendig blieben und für die hohe Kunst französischer Liebeslyrik standen, waren die Musikerinnen wie Beatriz de Dia oder die Contessa von Garsenda im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten. So ist "A  chantar m'ér" ein Werk der okzitanischen Trobaritz Beatriz de Dia, von der sogar die Musik noch erhalten ist:

::: ANHÖREN :::>    A chantar m'ér (Wikipedia)


        A chantar m'ér de çò qu'eu no volria,
        Tant me rancur de lui cui sui amia;
        Car eu l´m mais que nulha ren que sia:
        Vas lui no'm val Mercés ni Cortezia
        Ni ma beltatz ni mos prètz ni mos sens;
        Qu'atressí'm sui enganad'e trahia
        Com degr'ésser, s'eu fos desavinens.

        D'aissò'm conòrt, car anc non fi falhensa,
        Amics, vas vos per nulha captenensa;
        Ans vos am mais non fetz Seguís Valensa,
        E platz mi mout que eu d'amar vos vensa;
        Lo meus amics, car ètz lo plus valens;
        Mi faitz orgòlhs en ditz et en parvensa
        E si ètz francs vas totas autras gens.

        Meravelh me com vòstre còrs s'orgòlha,
        Amics, vas me, per qu'ai razon que'm dòlha;
        Non es ges dreitz qu'autr' amors vos mi tòlha,
        Per nulha ren que'us diga ni acòlha.
        E membre vos quals fo'l comensamens
        De nòstr'amor! Ja Dòmnedeus non vòlha,
        Qu'en ma colpa sia'l departimens.
         
        Proeza grans, qu'el vòstre còrs s'aizina,
        E lo rics prètz qu'avètz m'en ataïna;
        Qu'una non sai, lonhdana ni vezina,
        Si vòl amar, vas vos no si' aclina;
        Mas vos, amics, ètz ben tant conoissens
        Que ben devètz conóisser la plus fina:
        E membre vos de nòstres covinens.
         
        Valer mi deu mos prètz e mos paratges
        E ma beutatz, e plus mos fins coratges;
        Per qu'eu vos man, lai on es vòstr'estages,
        Esta chanson, que me sia messatges
        E vòlh saber, lo meus bèls amics gens,
        Per que vos m'ètz tant fèrs ni tant salvatges;
        No sai si s'es orgòlhs o mals talens.

        Mas aitan plus vòlh li digas, messatges,
        Qu'en tròp d'orgòlh an gran dan maintas gens.

Erhaltene Lieder:
Ab ioi et ab ioven m'apais
A chantar m'ér de çò qu'eu no volria (mit Melodie)
Estat ai en greu cossirier
Fin ioi me don'alegransa


Die Comtessa de Dia verliebte sich angeblich in den Grafen von Orange, der sich aber seinerseits der Comtessa de Dia sehr zurückhaltend und abweisend verhielt. Als der Graf der Comtessa jedoch versicherte er meide sie nur um ihres eigenen Rufes willen, hatte die Comtessa für den Grafen nur Spott und Hohn übrig. Doch später widmete die Comtessa dem Grafen die folgende Conzone, in dem sie klagt, dass ihr weder Tugend noch Adel nutze:

        "Was bewirkt denn noch mein Anmut und Schönheit?
        Lasst mich wissen, mein schöner und edler Freund,
        Was macht Euch so hart und herzlos gegen mich?
        Habe ich Euch verletzt oder ist es Hochmut und böser Wille?
        Aber ich sage Euch auch,
        dass der Stolz schon vielen Menschen Unglück gebracht hat!"

Das Internetangebot "Deutsche Liebeslyrik" (sic!) bietet folgenden Text an:

        In tiefen Kummer stürzte mich
        ein Ritter, der mich zart umwarb.
        Wie herzlich gerne ich ihn hab,
        zeig offen und bekenne ich.
        Jetzt fühl ich mich von ihm betrogen;
        hab ich ihm meine Liebe nicht genug gezeigt?
        Ich leide seinetwegen Qualen,
        ob nackt im Bett oder im Kleid.

        Wie schlöß ich meinen Ritter nachts
        mit nackten Armen zärtlich ein.
        Könnt ich sein Kissen einmal sein,
        wie glücklich hätt uns es gemacht!
        Ich lieb ihn herzlicher und mehr
        als Floris seine Blanchefleur.
        Ihm geb ich Liebe, Herz und Sinn,
        Vernunft, die Augen und mein Leben hin.

        Mein schöner Freund, lieblich und gut,
        wann, wann gehörst du endlich mir?
        Schlief ich nur eine Nacht bei dir,
        der Kuß der Liebe strömte dir ins Blut.
        Glaub mir, mein größter Wunsch ist dich
        auf meines Gatten Platz zu sehn.
        Das soll geschehn, sobald du schwörst,
        daß alle meine Wünsche in Erfüllung gehn.


::: ANHÖREN :::>    A chantar m'ér (Estampie)

ESTAMPIE * Stimme des Mittelalters. 
Umberto Eco, Theoretiker und Romanautor sieht erstaunliche Parallelen zwischen der Moderne und dem Mittelalter. Auch in jener angeblich so dunklen Zeit existierte Gegensätzliches nebeneinander, auch damals war schon alles vorhanden, was wir erst mit unserer heutigen Zeit in Verbindung bringen: Das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen, die Auflösung von Systemen, die Endzeitstimmung und gleichzeitig die Idee der Utopie. Auch die Musik von Estampie spiegelt diese Zusammenhänge wider. Die Wurzeln liegen in der vielgestaltigen Musik und der komplexen Gedankenwelt des Mittelalters, ihre Inspiration aber beziehen sie aus anderen Bereichen gegenwärtiger musikalischer Ausdrucksformen.

Estampie geht Einflüssen aus modernen Stilrichtungen wie Minimal Music, ausser- europäischer Musik bis hin zur World Music oder der Popmusik nicht aus dem Weg. Im Gegenteil: Estampie sucht die Begegnung und Überschneidung mit anderen Stilarten, denn dieser “Crossover” verstärkt die einzigartige Schönheit und Wucht, die in der Musik des Mittelalters liegt. Dabei verwendet das Ensemble ausschließlich mittelalterliches, das heisst akustisches Instrumentarium, wie Fiedel, Drehleier, Laute, Schalmei, Posaune, “Ethno-Schlagzeug” etc., setzt aber im musikalisch-strukturellen Bereich neue Akzente. Mit anderen Worten: Die alten Instrumente spielen teilweise neue Musik. Estampie lässt sich nicht festlegen, sondern wagt den Versuch, das Mittelalter mit vielen seiner Aspekte neu zu denken, es als zeitgenössiche Möglichkeit zu imaginieren. Die Gruppe folgt dabei keiner Regel, weder den Direktiven des Pop noch den Ansprüchen der Alte-Musik-Fraktion - ihre Musik ist eine klingende Phantasie über jene Chimäre, die man Mittelalter nennt.