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23.03.2010

[23. März 1819] Burschenschafter als psychopathologischer Mörder

Am 23. März 1819 ermordet der fanatisierte deutschnationale Theologiestudent und Burschenschafter Karl Ludwig Sand den Dichter August von Kotzebue mit drei Messerstichen. Das hat weitreichende Folgen für die deutsche Politik und Karl Ludwig Sand wird deswegen am 20. Mai 1820 in Mannheim enthauptet.

Carl Ludwig Sand. Es war kein Akt augenblicklicher Erregung wie sein Tagebuch beweist: Beinahe ein Jahr trägt er sich schon mit dem Gedanken eines Attentates gegen Kotzebue. Am Nachmittag des 23. März 1819 läutet in Mannheim Carl Ludwig Sand an der Haustür des Dichters und Kaiserlich Russischen Staatsrates August von Kotzebue. Der Hausherr begrüßt den Fremden, der nach einigen freundlich gewechselten Worten einen kleinen Dolch aus dem Ärmel zieht und unter dem Ruf "Du Verräter des Vaterlandes!" dreimal zusticht.

Der überrumpelte Dichter bricht zusammen, tödlich verletzt. Als dem Täter sein Fluchtweg aus dem Hause des Dichters abgeschnitten wird, versucht er sich mit einem mitgeführten Messer an Ort und Stelle das Leben zu nehmen. Der Bewusstlose wird von der Wache ins Krankenhaus gebracht, dann – nach Operation und Genesung – ins Gefängnis verlegt. Carl Ludwig Sand - wurde durch seine pathologische Tat weltberühmt. Noch zu seinen Lebzeiten erschienen erste Biographien. Er hielt nachhaltig und unverblümt Einzug in die Literatur, in die Geschichtsschreibung, in Raritätenkabinette und Museen.

Während Kotzebue ein Werk hinterlässt, das vor allem wegen seines Umfangs und der ungeheuren Rezeption vom Ural bis New York selbst für Medienwissenschaftler nur schwer vollständig zu würdigen ist, hinterlässt der Theologiestudent Karl Ludwig Sand im Wesentlichen nur einen Mord. Das Attentat führte zu scharfer Unterdrückung der demokratischen Nationalstaatsbewegung. Doch bis zur deutschen Reichsgründung 1871 war er eine Idolfigur der Nationalstaatsbewegung, während der Nazi-Zeit ein Idol der Nazis.

Nicht zu Unrecht: Vom 17. bis 19. Oktober 1817 nahm Sand am Wartburgfest in Eisenach teil. Er war Mitglied des Festausschusses und Fahnenbegleiter beim Zug auf die Wartburg. Auf dem Fest verteilte Sand seine wenig beachtete Flugschrift zur Gründung einer "allgemeinen freien Burschenschaft". An der Bücherverbrennung auf dem Wartenberg, bei der unter anderem August von Kotzebues "Geschichte des deutschen Reichs" verbrannt wurde, war Sand beteiligt. Heinrich Heine wird darüber prophezeiend sagen: "Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch Menschen."

Wartburgfest. Auf dem Wartburgfest wurden eben nicht nur Bücher und Symbole der Fürstenherrschaft verbrannt. Die Wartburgfeier ist ein sehr klares Beispiel, wie der Kampf gegen Napoleon und die deutschen Fürsten, die in über 30 Kleinstaaten regierten, von reaktionären, nach rückwärts gerichteten Anschauungen bestimmt wurde. In diesem Kampf für die deutsche Einheit - die längst eine wirtschaftliche Notwendigkeit geworden war - wurde von den Burschenschaftlern ganz bewusst an das alte kaiserliche Deutschland angeknüpft. Man ging bereits von einem "1000 jährigen Reich" aus, sang Loblieder auf Kaiser "Rotbart" Barbarossa, und ging zurück zu Hermann, dem Cherusker, der in den Tälern des Teutoburger Waldes eine römische Armee des Kaisers Augustus geschlagen haben soll. Es ging also um germanische verklärte Tradition, um ein "Deutschland" wie es in Wirklichkeit nie bestanden hatte.

Heinrich Heine. In "Ludwig Börne, eine Denkschrift", schildert Heine bereits erschreckend genau, was die Wartburg'schen Deutsch-Nationalen, die "Altdeutschen", die zackigen Burschenschaftler zu tun gedenken, wenn "Deutschland über alles in der Welt" Geltung habe: "Im Bierkeller zu Göttingen musste ich einst bewundern, mit welcher Gründlichkeit meine altdeutschen Freunde die Proskriptionslisten anfertigten, für den Tag, wo sie zur Herrschaft gelangen würden. Wer nur im 7.Glied von einem Franzosen, Juden oder Slawen abstammte, ward zum Exil verurteilt. Wer nur im Mindesten etwas gegen Jahn oder überhaupt gegen altdeutsche Lächerlichkeiten geschrieben hatte, konnte sich auf den Tod gefasst machen ..."

Nach der Bluttat des Burschenschaftlers Karl Ludwig Sand in Mannheim an dem Schriftsteller August von Kotzebue geht durch Preußen und Deutschland eine Welle staatlicher Repression gegenüber allen liberalen Geist. Nun wird erst das in aller Schärfe produziert, was den rechten und schlagenden Burschenschaftern in völliger Verdrehung der Geschichte die Möglichkeit gibt, heute als die unmittelbaren Nachkommen dieser "Freiheitskämpfer" sich zu benehmen. Dabei waren sie immer noch reaktionärer als das zu recht reaktionär kritisierte Metternich'sche System. In der politischen Geschichte wurde Reaktion als Schlagwort seit etwa 1830 (Juli-Revolution) für die Gesamtheit nicht fortschrittlicher politischer Kräfte gebraucht. Später wurden mehr und mehr politisch rechtsstehende (konservative bis faschistische) Gruppen als Reaktionäre bezeichnet. Umgekehrt benutzte der Nationalsozialismus den Begriff für alle Gegner des Regimes, einschließlich der Kommunisten.

Deutsche Burschenschaften. Bis in die heutigen Tage hält sich ausgerechnet der Bücherverbrenner beim Wartburgfest, Karl Ludwig Sand, als Revolutionär. Sein Attentat beförderte im Übrigen seine Ideen nicht, sondern gab, wenn schon nicht Anlass so doch die Begründung zu freiheitsengenden Maßnahmen: Todesstrafe, eine allgemeine Pressezensur, das Verbot der Burschenschaften, Berufsverbot revolutionär gesinnter Lehrkräfte, die staatliche Überwachung der Universitäten und die Einrichtung einer Zentraluntersuchungskommission. Auch nachfolgende gewaltbereite Politikbewegungen haben im Prinzip dieselbe Erfahrung machen müssen, wenngleich sie aus dem "Fall Sand" doch hätten lernen können.

Faschistoid und FPÖ. Die Burschenschaften sind bis heute im Kern reaktionär bis faschistoid geblieben, auch wenn sie sich selber in "konservative" und "liberale" unterscheiden. 1996/97 wurde eine der radikalsten Verbindungen des gesamten Verbandes, die Olympia Wien, zur Vorsitzenden Verbindung des Jahres 1996/97 gewählt. In den 60er Jahren war die Olympia Wien in Österreich verboten, weil sie für eine Serie von Bombenanschlägen auf italienische Einrichtungen in Südtirol in Verbindung gebracht wurde. Während ihres Verbandsvorsitzes 1989/90 schlug sie unter anderem vor, die Wiedervereinigung Deutschlands auf die Annexion Österreichs und großer Gebiete Polens "auszuweiten". Noch 2005 feierte man den pathologischen Mörder Karl Ludwig Sand dort als Vorbild mit "Kühne Tat (sic!) lebe! Frei ist der Bursch!" - Denn, "Der Geist lebt in uns allen, und unsre Burg ist Gott!" Ausgerechent zu dieser Burschenschaft bekennt sich Dr. Martin Graf - von der FPÖ nominierter dritter Nationalratspräsident!

Karlsbader Beschlüsse.
Der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich setzt in den geheimen Karlsbader Konferenzen eine Reihe von Reaktionsmaßnahmen durch, die vom Deutschen Bund am 20. September 1819 beschlossen werden. Diese so genannten "Karlsbader Beschlüsse", die bis zur Revolution von 1848 in Kraft bleiben, verbieten die Burschenschaften, unterstellen die Universitäten einer ständigen polizeilichen Überwachung, führen die Zensur im gesamten Deutschen Bund ein, setzen eine "Zentraluntersuchungskommission" in Mainz zur Ermittlung von "revolutionären Umtrieben" ein und schaffen eine Exekutionsordnung, die es dem Bund erlaubt, militärisch in den Einzelstaaten zu intervenieren. Mit der Errichtung des Metternichschen "Diktatursystems" wurde der Deutsche Bund und mit ihm Preußen zu einem bevormundenden Polizeistaat. Die Perversion: Mit der gesamtdeutschen Diktatur ist der von den Burschenschaftern geforderte "Einheitsstaat" bereits ein gut Teil Wirklichkeit.