[14. Februar 1529] Zur Herrenfasnacht tobt der Krieg der Symbole
Eine jahrhundertealte Auseinandersetzung um Bild und Bilderverehrung hatte wieder einmal einen Höhepunkt erreicht. Am 14. Februar 1529 gelang es einer Gruppe von Basler Bilderstürmern auch zur Theodorskirche in Kleinbasel vorzudringen, zu deren Schutz die Bevölkerung gar Artillerie auffuhr.
Kleinbasel. Der große Sturm war schon vorbei als seine Ausläufer auf die Kleinbasler trafen. Dort war noch ein Großteil der Bevölkerung beim alten katholischen Glauben geblieben und zeigte sich wehrhaft. Man entfernte einen Teil der Gehpartie der Rheinbrücke um die Großbasler Aktivisten fernzuhalten und sogar Artillerie fuhr man zum Schutze auf. Trotzdem kam es nicht zum Schlimmsten als es einer Gruppe von Bilderstürmern am 14. Februar 1529 gelang, bis zur Theodorskirche vorzudringen. Den Schutz der Kirche übernahm die Kleinbasler Bevölkerung, angeführt von dem Schmied Jörg Jeuchdenhammer. Es floss "nur" das Blut eines "fremden Goldschmiedegesellen". Schließlich wurde Kleinbasel durch politischen Druck aus Großbasel doch dazu genötigt den Zierrat aus der Kirche zu entfernen, was noch am 14. und auch am 15. Februar geschah. Die Auseinandersetzung an jenem 14. Februar war für die Kleinbasler dennoch ein Erfolg. Der Kirchen-Zierrat endete nicht auf dem Müllhaufen sondern er wurde ausgerechnet von jenen Ehrengesellschaften, die sich für die schmucken Kirchen stark machten, "entsorgt". Das entfernte Gut wurde verwahrt oder den seinerzeitigen Stiftern rückübertragen.
Herrenfasnacht. Schon 1528 werden die ersten Basler Kirchen von Bildern geräumt. Auf die Inhaftierung einiger der Beteiligten folgt ein Aufruhr und die Bedrohung des Rates durch das Zunftvolk. Der Rat muss einlenken, die Gefangenen freilassen und fünf bilderlose Kirchen dulden. Bilderlose Kirchen sind das Synonym für die neugläubigen, reformierten Kirchen. Das Domkapitel bemüht sich in der Folge darum, der wachsenden Opposition mit einer strengeren Aufsicht über den Klerus entgegenzutreten. Zum Jahreswechsel 1528/29 herrscht jedoch eine Stimmung, die einen bürgerkriegsartigen Konflikt als unmittelbar bevorstehend erscheinen lässt.
Der Höhepunkt des Bildersturms in Basel wurde am Montag dem 8. Februar 1529 nach der Herrenfasnacht eingeläutet, als sich um sechs Uhr rund 800 Bürger in der Barfüßerkirche versammelten. Sie fassten den Beschluss Vertreter ins Rathaus zu schicken, die dem Rat ihre Forderungen unterbreiten sollten. Eine große Volksmasse unter Führung der Zünfte fordert die Entfernung der Altgläubigen aus dem Rat und eine allein von den Zünften ausgehende Besetzung des Rates. So sollten die Zunftvertreter im Rat von allen Zunftangehörigen gewählt werden, nicht bloß vom Vorstand. Während den Verhandlungen schreitet die Masse beginnend beim Münster zum Bildersturm. Der Rat muss sich allen Forderungen beugen und führt in der reduzierten Form die Regierungsgeschäfte weiter. Die neue Verfassung wird in kurzer Zeit ausgearbeitet.
Am Aschermittwoch 1529 wurde alles Brennbare aus dem Bildersturm auf dem Münsterplatz aufgestapelt und angezündet. Erasmus von Rotterdam beschrieb den Bildersturm zu Basel in einem Brief vom 9. Mai 1529 folgendermaßen: "Von Standbildern wurde nichts unversehrt gelassen, weder in den Kirchen noch in den Vorhallen, noch in den Kreuzgängen, noch in den Klöstern. Was von gemalten Bildern vorhanden war, wurde mit einer Übertünchung von Kalk bedeckt; was brennbar war wurde auf den Scheiterhaufen geworfen, was nicht wurde Stück für Stück zertrümmert. Weder Wert noch Kunst vermochten, dass irgend etwas geschont wurde."
Machtfrage. Man sieht schon, es ging um Zunftanliegen, um Bürgerrechte und die reformierten Prediger waren die gesellschaftlich zeitgemäße Alternative zu den Traditionalisten, den altgläubigen Katholiken, die mit ihrem Latein am Ende waren, die Mitsprache und Mitwirkung nicht nur in der Kirche verweigerten; es geht gegen das mächtige Basler Domkapitel. Es war das Bemühen des erstarkten Bürgertums, der Zünfte um Teilhabe an der Gesellschaft. Der Bildersturm ist zwar nicht aus der Reformationsgeschichte wegzudenken, es ist aber wesentlich erhellender ihn in den gesellschaftlichen Kontext zu stellen, als Teil der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, ja Mediengeschichte.
Der Bildersturm als religiös motiviertes revolutionäres, unkontrolliertes Wüten der Volksmassen gab es nur unter außerordentlichen politischen und sozialen Bedingungen: Der Ittingersturm 1524 war Ausdruck des bäuerlichen Protests gegen die ungerechte Behandlung des reformierten Prädikanten durch den katholischen Landvogt im Thurgau. In Basel 1529 war der Bildersturm Teil der Zunftrevolution. Die Verwüstungen der Abtei St. Gallen und der Stiftskirche in Neuenburg zielten ebenfalls symbolisch auf die bestehende Herrschaft.
Dasselbe gilt für die Bilderstürme Deutschlands (Bauernkriege) und gar der Niederlande, wo sie sich gegen die Spanisch-katholische Herrschaft richteten. Eine solche Blickweise ergibt sich auch aus den zerstörten / nicht zerstörten Bildnissen des Basler Kirchensturms. Mit den Bildern beseitigte man die sichtbaren Stellvertreter einer Ordnung. Das Zerstörungswerk richtet sich nicht nur gegen die alte katholische Kirche sondern gegen die Weltordnung, die sie verkörperte. Die Kirchen sollen gereinigt werden für eine neue Art des Christentums, die den ursprünglichen Lehren der Kirche näher stehen sollte. In Frankreich der Revolution von 1789 zerstörte man zum Beispiel unzählige Statuen an den reichgeschmückten gotischen Kathedralen. Der Grund: man sah in Ihnen Symbole der Monarchie, die man ein für alle Mal beseitigen wollte.
Das Heinrichs-Kreuz überstand beispielsweise den Basler Bildersturm und blieb im Kirchenschatz der Stadt Basel erhalten, weil Kaiser Heinrich Stadtpatron und der Kirchenschatz Projektionsfläche für die Basler Ratsherrschaft und Garant legitimer Herrschaft in der Stadt war. Der eindrückliche in über 500 Jahren entstandene Münsterschatz blieb vollständig erhalten und wurde dann rund 300 Jahre lang in der Sakristei des Münsters aufbewahrt. Dieser Schatz reichte zurück bis zur Gründung des Münsters im ersten Jahrhundert und während fünf Jahrhunderten wuchs das Ensemble von Reliquiaren, Monstranzen und Kreuzen.
So durften beispielsweise auch die teuren bemalten Kirchenfenster bestehen bleiben, wenn sie nicht angebetet wurden. Oder auch Karl der Grosse darf bis heute am Großmünsterturm in Basel sitzen, weil niemand auf die Idee kam, ihn zu verehren oder gar in ihm noch einen Repräsentanten der alten Ordnung zu sehen. Der reformatorische Bildersturm ist damit ein sehr viel vielschichtigeres Phänomen: ein manifester, unmittelbarer symbolischer Bruch mit der alten Kirche und in der ersten Phase auch ein sozialer Protest gegen die verschwenderische Pracht des Bilderkults. Der sakrale Nimbus von Abbildungen geht mit dem Sturm verloren, Abbildungen werden auf ihre Funktion, ihren materiellen Wert - wie etwa bei den Kirchenfenstern - oder allenfalls ihre Ästhetik reduziert.
Der Bildersturm schloss den Aufstand gegen Kapital und Obrigkeit ein, mochten nun die Gegner verhasste Grundherren, reiche Klöster ohne Steuerzwang oder die landfremde spanische Besatzung sein. Die Initiatoren des Bildersturms waren manchmal die Volksmassen, manchmal das Patriziat einer Stadt im Kampf mit der besitzenden Kirche, seltener die Theologen selber. Gerade der Symbolwert einer Säuberung des Tempels machte die Aktion zur scharfen Waffe in vieler Leute Händen. Man konnte damit ebenso die Kirche wie den örtlichen Magistrat oder reiche Grundherren treffen, die sich in kirchlichen Bildstiftungen die eigenen Denkmäler gesetzt hatten.
Die Entfernung der Bilder in Basel aus den Kirchen wird auch fortan nicht mehr spontan sondern obrigkeitlich organisiert, die katholische Messe verboten und der neue Kult verbindlich und einheitlich durch die Reformationsordnung geregelt - die Grundlage für die entstehende Staatskirche in fester Hand der Obrigkeit, die sozusagen als Zweig der öffentlichen Verwaltung betrachtet wird. Bis zur Gründung der Pfarrei St. Clara auf privatrechtlicher Basis im Jahre 1798 bleibt der öffentliche katholische Kult aus Basel gebannt.
Bilderverbot. Damit war auch für die bildende Kunst das Thema Bilderverbot wieder aktuell, wenngleich es ein vorübergehendes Ereignis war. Gleichwohl ist der Streit darüber nicht beigelegt, wie es die Bilderstürmer der Nazis zeigten und Fundis aller Arten bis in die heutigen Tage auch.
Es sind Islam, Judentum und eben das Christentum - als von Abraham hergeleitete Religionen - vom Bildverbot berührt. Dahinter stand die Gefahr des Götzendienstes, der mit der Anbetung religiöser Bildwerke (besonders Statuen) verbunden war. Mit der Berufung auf Moses ("Du sollst Dir kein Bild machen" -2. Buch Mose 20, 4), was ja alle drei Religionsgemeinschaften tun, haben auch alle drei Religionen ihre besondere Ausformungen durch den Umgang mit dem Bild erlitten. Die fundamentalen Konflikte spitzen sich bei ihnen politisch schon deswegen zu, weil sie alle einen einzigen Gott haben, der keinen anderen neben sich zulässt. Idealer Vorwand für politische Machtstrategien.
Die Praxis hat allerdings seit Anbeginn zu Umgehungen, Legitimierungsversuchen und Sublimierungen geführt, die die Kunst sehr wohl auch bereichert haben. Für die jüdische Geschichte gilt, dass sich das Verhältnis zum Abbildverbot – und damit auch dessen ikonoklastische Tendenz – mit dem Grad von Repression und Verfolgung, denen die jüdischen Gemeinden ausgesetzt waren, veränderte. Je bedrängter ihr Leben war, desto stärker wandten sie sich vom Bild ab und dem Wort zu. Beim Islam hat das Bilderverbot zu einer Sublimationskunst, zur kunstvollen Entwicklung der Kalligraphie und Ornamentik geführt. In der Orthodoxen Kirche hat wiederum eine Kultur der Ikonenmalerei sich entwickelt. Die katholische Gegenreformation lieferte als Alternativkultur zur Reformation im Barock und der Renaissance geradezu ein Bilderspektakel.
Die christliche Kirche bediente sich bereits früh von Legenden um das Bildverbot zu umgehen, zu relativieren und aufzuheben. Die Lukas- (Lukas als Maler) und die Abgar-Legende sind Belege dafür. Allmählich wurde mit Hilfe solcher apokrypher Legenden das Alter und der Rang der Bilder an das Evangelium selbst herangerückt. Authentischer kann kein Bild sein als ein direkter Abdruck (Abgar-Legende). Und auch der Einwand, Bilder seien Machwerke von Menschen, musste so bei der Lukas-Legende ins Leere gehen. Wenn die Madonnenbilder von der Hand des Lukas stammten, mussten sie (vom Heiligen Geist) inspiriert sein, wie dessen Evangelium. "Nicht-von-Hand-gemachte-Christusbilder", so genannte Acheiropoieten werteten so die einst verpönten Bilder auf. Eine Liberalisierung des Bilderverbots, und zwar gleichzeitig in der jüdischen wie in der christlichen Volksfrömmigkeit, erfolgt erst im Zuge der Inkulturation des biblischen Glaubens im griechisch-hellenistischen Kulturkreis. Zeugen dafür sind die Fresken in der Synagoge von Dura-Europos und in den Katakomben Roms. Diese Anfänge werden im allgemeinen auf die Mitte des 3. Jahrhunderts datiert. Im ersten Gebrauch von Bildern artikulierte sich so etwas wie "Kirche von unten".
Bildkritik war auch kein neues Thema der Reformation. Im katholischen Spätmittelalter häufen sich warnende und mäßigende Stimmen. Neu war der Zusammenhang, in den die Bilderkritik jetzt geriet. Es war die allgemeine Kirchenreform, in der sie einen Signalwert für den Umbruch erhielt. Die neue Lehre ging auf Distanz zur alten Papstkirche. Dabei waren ihr die dortigen Missstände im Bilderkult und Ablasswesen nur willkommen, denn sie erlaubten eine scharfe Abgrenzung dort, wo jedermann die Grenzen sah. Die Reinigung des Tempels von den Händlern und von den Bildern sollte die Zustände einer Urkirche, die noch nicht auf die schiefe Bahn geraten war, wieder herstellen. So sah man die Dinge, und so fand man den Angelpunkt der Kirchenreform. Ein gereinigter Tempel setzt aber voraus, dass man ihn erst einmal reinigt. In diesem Sinne ist der Bildersturm angewandte Bilderkritik. Allerdings ist er ein Thema mit vielen Facetten, ja auch mit Widersprüchen, die selbst die Reformatoren spaltete.
Wie irritierend es ist, den Bildersturm einfach nur religiös einzugrenzen, das zeigt folgendes Beispiel: Beim Buchdrucker Froschauer in Zürich erschienen von 1525-1529 die "Zwingli Bibel", zuerst das Neue Testament, dann die einzelnen Teile des Alten Testaments, bis 1531 erstmals die ganze Übersetzung in einem Band erschien. Diese berühmte Froschauerbibel war ein Meisterwerk des frühen Buchdrucks mit sage und schreibe über 200 Illustrationen!
Mediengeschichte. In einer Gesellschaft, die vom Analphabetentum geprägt ist, kann auf das Bild nicht verzichtet werden. Bilder sind hier verschlüsselte Worte, Text. Diese Bildwerke sind die Bibel der Armen (biblia pauperum). Der Bibeltext der in Bilder umgesetzt wird, wird vom Leseunkundigen rückübersetzt. Im Griechischen wird zum Beispiel dasselbe Wort "graphein" für "schreiben" wie für "malen" gebraucht.
Doch Bilder und Skulpturen waren besonders Medien im Sinne eines Herrschaftsinstruments und weltliche wie kirchliche Herrscher (der Klerus war ja oft genug auch weltlicher Herrscher) verstanden es ebenso zu nutzen. Schon im 12. Jahrhundert sah sich der heilige Bernhard von Clairvaux veranlasst, den Mönchen vorzuhalten, sie würden ihre Zeit verschwenden beim Betrachten der skulptierten Monstren, anstatt sich dem Studium der Manuskripte in der Klosterbibliothek zu widmen. Bernhard legte mit dieser Aussage Zeugnis ab für den Erfolg dieser Armenbibeln. Im Spätmittelalter erlangte der Adel vom Klerus das Privileg, seine Grabdenkmäler innerhalb des Kirchenraumes errichten zu dürfen. Ihre weltliche Macht sollte durch den geweihten Raum legitimiert werden. Der Bildersturm vom Februar 1529 zerstörte übrigens zwar die Altäre und Bildwerke, beließ jedoch die meisten der steinernen Grabmäler. Im weltlichen Bereich setzten Zünfte und Bürgerschaften Zeichen ihres Machtanspruches in den Städten, indem sie aufwendige Brunnenanlagen errichten ließen. Andernorts übertrafen die Rathaustürme die Kirchtürme.
Der Bildersturm der Reformation und bis zu einem gewissen Grad die Bilderstürme jeder Revolution können als eine Demonstration von Gegenmacht angesehen werden. Wenn die Gegenreformation wieder Zuflucht zur Plastik nahm, dann tat sie dies im Bewusstsein, dass der Bildhauer als stiller Prediger als Propagandist mithilft, protestantische Gebiete zurückzuerobern. Abwechselnd diente weiterhin die Plastik geistlichen und weltlichen Mächten, der Selbstdarstellung des Adels und des Bürgertums und dann im 19. Jahrhundert dem Patriotismus. Die Skulptur hat einen direkten Anteil am Entstehen eines Nationalbewusstseins, das auf der Verherrlichung der Geschichte, der Helden, der Gelehrten und Staatsmänner beruhte. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts stehen Skulpturen für und in urbanistischen Projekten. Dadurch werden das Bild und der soziale Charakter ganzer Viertel anders definiert.
Heute wird die Statue durch die großformatige Plastik ersetzt. Sie steht vor öffentlichen oder privaten Gebäuden als Prestigeobjekte - Aushängeschild einer Bank oder einer Versicherungsgesellschaft. Gleichzeitig wird Avantgarde-Skulptur in Freilichtausstellungen einem breiten Publikum vorgeführt. Werden eine Skulptur oder ein Denkmal im öffentlichen Raum aufgestellt, machen sie immer eine Aussage, sei diese nun politisch, religiös oder symbolisch. Dahinter stehen einzelne Personen der herrschenden Schicht, die sich auf diese Weise an ein breiteres Publikum oder an das ganze Volk wenden. Ihre symbolische Herrschaft weitet sich aus, indem sie sich den öffentlichen Raum aneignet. Der oft genug gerügte Vandalismus (vgl. Grafitti) wird nicht ungern als eine Auflehnung gegen die symbolische Macht interpretiert werden, die von der Skulptur ausgeht.
- Links:
Bildersturm – Historisches Lexikon der Schweiz
hls-dhs-dss.ch/textes/d/D16545.php
Der Bildersturm 1528/29 in Basel
www.altbasel.ch/fussnoten/bildersturm.html
Bilderstreit als Paradigma christlicher Kunsterfahrung
Klagrede der armen verfolgten Götzen und Tempelbilder
www.uni-tuebingen.de/dekanat-geschichte/hsrd/Reformation%20im%20www/Quellentranskription.htm




