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22.02.2010

[22. Februar 1901] Hokuspokus mit Waschungen, Ölungen, Körperbewegungen, Beschwörungen, Verschlucken von Brotstückchen. ...

Am 22. Februar 1901 wurde der russische Schriftsteller und Laientheologe Lev Nikolajevitsch Tolstoj aus der russisch - orthodoxen Kirche ausgeschlossen, exkommuniziert. Die deutsche Übersetzung seiner "Antwort an den Synod" wurde im Oktober 1901 auch von den deutschen Behörden beschlagnahmt.
 
Exkommunikation. Der "Heilige Synod" der russisch-orthodoxen Kirche exkommunizierte am 22. Februar 1901 Leo Tolstoi. Die Botschaft des Synods veröffentlichten sämtliche Zeitungen. Tolstoi wurde sechs verschiedener Vergehen beschuldigt: 1. "leugnet den persönlichen lebendigen Gott, den in der Dreieinigkeit gepriesenen"; 2. "leugnet den von den Toten auferstandenen Gottmenschen Christus"; 3. "leugnet die unbefleckte Empfängnis und die Jungfräulichkeit Marias vor und nach Christi Geburt"; 4. "verneint das Leben nach dem Tode und das Jüngste Gericht"; 5. "leugnet die Gnadenwirkung des Heiligen Geistes"; 6. "lästert das Geheimnis des Abendmahls".

In der Begründung zur Exkommunikation Tolstois, in der er als Feind der Kirche deklassiert wird, liest man: "Gott hat erlaubt, dass zu unseren Tagen ein neuer falscher Doktor, der Graf Leo Tolstoi, erschienen ist; Schriftsteller von Weltruf, Russe von Geburt, orthodox durch Taufe und Erziehung, hat Graf Tolstoi, von seinem Stolz angestachelt, sich frech und kühn gegen Gott, gegen die Kirche und gegen sein heiliges Erbe erhoben. Offen und vor allen hat er die orthodoxe Kirche, die Mutter, die ihn genährt und aufgezogen hat, verleugnet und seine literarische Tätigkeit ebenso wie das Talent, das Gott ihm gegeben hat, dazu benutzt, Christus und der Kirche entgegengesetzte Lehren unter dem Volk zu verbreiten und im Geist wie im Herzen der Menschen den Glauben der Väter zu zerstören ... Darum erkennt ihn die Kirche nicht mehr als eines ihrer Mitglieder an und wird ihn nicht als solches anerkennen können, solange er nicht bereut und seine Gemeinschaft mit ihr wiederhergestellt hat."

Beschlagnahme in Deutschland. Tolstojs "Antwort an den Synod" - die deutsche Übersetzung (Anhang zu Tolstojs Broschüre "Der Sinn des Lebens") wurde im Oktober 1901 auch in Leipzig von den deutschen Behörden beschlagnahmt - entgegnet dieser Exkommunikation u.a. mit folgenden Worten: "Wie immer man die Person Christi auffassen mag, seine Lehre jedenfalls, die das Böse der Welt zunichte macht und dem Menschen so einfach, so leicht und unzweifelhaft Glück gewährt, wenn er sie nur nicht entstellt - diese Lehre ist ganz und gar verschwunden, ist verfälscht zu plumpem Hokuspokus mit Waschungen, Ölungen, Körperbewegungen, Beschwörungen, dem Verschlucken von Brotstückchen und dergleichen, und von der Lehre selbst bleibt nichts übrig. Wenn aber einmal jemand versucht, die Menschen daran zu erinnern, dass die Lehre Christi nicht in solchen Zauberbräuchen, in Bitt- und Dankgottesdiensten, in Messen, Kerzen und Ikonen besteht, sondern darin, dass die Menschen einander lieben, Böses nicht mit Bösem vergelten, einander nicht verurteilen und töten, dann erheben alle, welchen dieser Schwindel Vorteil bringt, ein empörtes Geschrei und erklären in den Kirchen, in Büchern, Zeitungen und Katechismen lauthals und mit unfassbarer Dreistigkeit, Christus habe das Schwören nie verboten, habe den Mord (Hinrichtungen, Kriege) nie verboten und die Lehre vom Verzicht auf Widerstand gegen das Böse sei mit teuflischer List von den Feinden Christi ersonnen worden ... Von Christus, der die Ochsen, Schafe und Händler aus dem Tempel jagte, musste man behaupten, er lästert Gott. Käme er heute zu uns und sähe, was in seinem Namen in der Kirche geschieht, er würde gewiss mit noch größerem und noch gerechterem Zorn alle die schrecklichen Messtücher, Spieße, Kreuze, Kelche, Kerzen, Ikonen und alles andere hinauswerfen, womit sie ihren Hokuspokus treiben mit Gott und seine Lehre vor den Menschen verbergen."

Am 3. März 1908 ermöglichte der "Heilige Synod" die Exkommunikation Leo N. Tolstois aufzuheben, wenn sich dieser von seinen Lehren lossagt. Er tat es nicht. Erst im Februar 2001 wurde vom Moskauer Patriarch Alexij II. eine Rehabilitierung des Schriftstellers Leo Tolstoi neuerlich ausgeschlossen: "Nicht die russisch orthodoxe Kirche habe 1901 Tolstoi ausgeschlossen, sondern dessen Werke seien offenkundig gegen die Kirche und das Christentum gerichtet. Die Kirche könne ihre Entscheidung nur revidieren wenn auch der Betroffene selbst seine Ansichten geändert habe", so der Patriarch. Er war von dem Urenkel des Schriftstellers, Wladimir Tolstoi, der ein Tolstoi-Museum leitet, um die Aufhebung der Exkommunikation gebeten worden. Man hatte diesem natürlich auch Marketing-Interessen für seinen Antrag unterstellt, wobei dieser auch geltend gemacht haben wollte, dass Tolstoi auf dem Totenbett in den Schoß der Kirche zurückgekehrt sei. Da war die Begründung - zumindest aus religiöser Sicht - denn auch nicht unlogisch: Eine Exkommunikation kann ohnedies nur bis zum Tode reichen, danach hat ein anderer zu urteilen.

Gewaltfreiheit. Tolstoi war trotz Exkommunikation überzeugter Christ geblieben, aber eben auf seine Weise. Er proklamierte sein Evangelium: "Nimm nicht am Krieg teil; schwöre nicht; verurteile nicht; widersetze dich dem Bösen nicht mit Gewalt." In "Mein Glaube" (Leo Tolstoi, Berlin 1901) schildert er: "Alles, was mich umgibt, die Ruhe, meine und der Familie Sicherheit, mein Besitz, — alles war aufgebaut auf dem Gesetz, das von Christus verworfen ward, auf dem Gesetz: Zahn um Zahn. .... Ich las unlängst mit einem jüdischen Rabbiner das 5. Kapitel des Matthäus. Fast bei jedem Ausspruch sagte der Rabbiner: das steht in der Bibel, das steht im Talmud, und zeigte mir in der Bibel und im Talmud überaus nahe Aussprüche zu denen der Bergpredigt. Aber als wir zu dem Vers über das "Widerstehe nicht dem Bösen" kamen, sagte er nicht: auch das steht im Talmud, sondern er fragte mich nur lächelnd: Und die Christen erfüllen das, halten die andere Wange hin? - Ich vermochte nichts zu antworten, umso mehr, als ich wusste, dass in dieser selben Zeit die Christen nicht nur nicht die Wangen hinhielten, sondern die Juden auf die hingehaltene Wange schlugen."

Zum Schluss verließ Tolstoi alles: Bücher, Haus, Familie. Er war nicht mehr der brillante, in aller Welt anerkannte Schriftsteller, der Autor von "Anna Karenina" und "Krieg und Frieden". Er war der christlich - anarchistisch - pazifistische Mystiker, zweifellos die Quelle einer neuen Bewegung und einer neuen Methodologie des Kampfes: der Gewaltfreiheit. Dieser Pazifismus von Tolstoi vereint sich mit den Ideen Ruskins und dem sozialen Evangelium von Fourrier (den Marx in seinem Manifest erwähnt) in einem jungen indischen Anwalt, der zuallererst für die Nichtdiskriminierung der Inder in Südafrika kämpft: Mohandas Karamchand Gandhi. Dem Modell folgend gründet er eine Siedlung, aber vor allen Dingen versucht er eine neue Art des politischen Kampfs. Er kehrt nach Indien zurück, und in den folgenden Jahren formiert sich um seine Person die Indische Unabhängigkeitsbewegung. Mit ihm beginnt der Friedensmarsch, der Bummelstreik, der Sitzstreik, der Hungerstreik, die friedliche Besetzung ... zusammengefasst das, was er "zivilen Ungehorsam" nennt.

Trotzki.  Trotzki, der sich zur Zeit der Exkommunikation Tolstois in der sibirischen Verbannung befand, schreibt über den von Tolstoi ausgehenden Motivationsschub für die russischen Revolutionäre in seiner Biografie: "Während man in den fernen, schneebedeckten Kolonien der sibirischen Verbannung leidenschaftlich über die Differenzierung der russischen Bauernschaft diskutierte, über die englischen Trade Unions, über das Verhältnis zwischen dem kategorischen Imperativ und den Klasseninteressen, über Darwinismus und Marxismus, vollzog sich in den Regierungssphären ein anderer Ideenkampf. Der Heilige Synod exkommunizierte im Februar 1901 Leo Tolstoi. ... Wir lasen wieder und wieder die Aufzählung der "Irrlehren" Tolstois, jedes Mal mit neuem Staunen, und sagten uns: nein, wir sind es, die sich auf die Erfahrung der ganzen Menschheit stützen, die Zukunft verkörpern wir, – und dort oben sitzen nicht nur Verbrecher, sondern auch Wahnsinnige. Und wir waren dessen gewiss, dass wir mit diesem Irrenhaus fertigwerden würden."

Lenin. Lenin hatte die staatskritischen Passagen im Roman "Auferstehung" (1899) oder das negative Zerrbild von Nikolai I. aus "Hadschi Murat" als "Spiegel der Revolution" bezeichnete. Auch Heinrich Böll sagt dazu ausdrücklich in seiner Nobelpreisrede: "Man lese da doch einmal Rosa Luxemburg genau und schaue sich an, welche Denkmäler Lenin als erste verordnet hat: das erste für den Grafen Tolstoi, von dem er gesagt hat, bevor dieser Graf zu schreiben anfing, habe es in der russischen Literatur keine Bauern gegeben, das zweite für den "Reaktionär" Dostojewskij." Tatsächlich war Tolstoi von den Bolschewiken als erster russischer Klassiker mit einer akademischen Gesamtausgabe geehrt worden. Diese neunzig Bände umfassende Ausgabe erschien von 1928 bis 1958.